Digitale Demenz: Wie lernfähig ist unser analoges Gehirn?

Ob Navi, Einkaufs-App oder Wiki: Das Wissen dieser Welt steht uns immer zur Verfügung. Dinge auswendig zu lernen ist dank Google & Co. aus der Mode geraten. Aber was macht das mit unserem Gehirn? Droht uns die „digitale Demenz“? Bekommen wir die Digitalisierung und unser Steinzeithirn zusammen? Die Antwort gleich vorneweg: Ja, es kann funktionieren. Wenn wir erst unser Gehirn einschalten und dann unsere digitale Welt betreten. Lernen findet weiterhin statt, ist allerdings – wie so vieles in diesen Zeiten – einfach nur anders als bisher, wie Personal Brain Coach Julia Kunz in diesem Beitrag erklärt.

(Illustration: © peshkova, depositphotos.com)

Rasanter digitaler Wandel und die Folgen

Der Übergang von der analogen in die digitale Welt ging rasant vor sich. 1969 war die Geburtsstunde des Internets, 2003 gilt als Startpunkt des digitalen Zeitalters. Damals gab es geschätzt mehr Daten im digitalen als im analogen Format. Schließlich Google, der Touchscreen am iPhone, Messenger-Dienste wie WhatsApp und jetzt autonom fahrende Autos, 3D-Druck und Alexa. Die Digitalisierung macht vor keinem Bereich halt.

Und die meisten von uns haben die digitalen Vorzüge längst in ihr Leben integriert. Das Leben ist bequemer geworden. Wir müssen uns nichts mehr merken, weil wir alles ständig dabei und griffbereit haben. 

Das Rad zurückdrehen möchte niemand. Was bleibt, sind wichtige Fragen: „Wie gehen wir am besten mit Digitalisierung um, damit wir davon profitieren können?“, „Gibt es die Möglichkeit, nicht trotz, sondern durch digitale Tools schneller, konzentrierter – und ausgeglichener im Sinne der Work-Life-Balance – zu sein? Sich Wissen besser anzueignen? Leichter zu lernen?“

Dieser Beitrag soll den Einfluss der Digitalisierung auf das Gehirn – aus neurowissenschaftlicher Sicht – beleuchten.

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Gehirn-Basics: Wie es funktioniert und was ihm hilft

Kommt unser Gehirn als zwei Millionen Jahre altes, analoges Steinzeitgebilde überhaupt mit der Digitalisierung zurecht? Dazu ist es wichtig, einige Basics zu kennen: Prinzipiell ist unser Gehirn extrem wandelbar und anpassungsfähig. Es ist zu grandiosen Leistungen fähig, wenn es richtig benutzt wird.

Wichtig dafür ist die Grundversorgung: Ausreichend Getränke über den Tag verteilt und eine ausgewogene Ernährung bilden die Basis für einen konzentrierten und fokussierten digitalen Alltag.

Wenn unser Gehirn gut funktioniert, schüttet es Botenstoffe und Hormone in den richtigen Maßen aus: Serotonin sorgt dafür, dass wir uns wohl fühlen und guter Stimmung sind. Wenn wir ins Tun kommen wollen, brauchen wir Dopamin, dessen Ausschüttung u.a. durch Bewegung angeregt wird. Glückshormone, sogenannte Opioide, folgen, wenn wir ein Ziel erreicht haben. Deren Wirkung verpufft allerdings rasch. Dann brauchen wir wieder Dopamin, um ein neues Vorhaben anzugehen.

Ein wichtiger Faktor für die Leistungs- und Lernfähigkeit unseres Gehirns ist der Stresslevel, dem wir unterliegen.

Ein wichtiger Faktor für die Leistungs- und Lernfähigkeit unseres Gehirns ist der Stresslevel, dem wir unterliegen. Mäßiger Stress macht uns konzentriert und aufmerksam. Wenn der Stress hingegen zu viel wird, werden wir vergesslich und unkonzentriert. Sehr starker Stress über lange Zeit schädigt gar das Gehirn.

Wer auf sich selbst und die Signale hört, die ihm sein Körper und damit sein Gehirn sendet, kann meist ganz gut einschätzen, was zu viel ist und wie viel Stress er noch ohne Schaden aushält.

Unser Gedächtnis schließlich arbeitet umso besser, je mehr wir es nutzen. Es ist allerdings schnell überlastet. Nur ein Bruchteil unserer Eindrücke schafft es ins Bewusstsein. Dann müssen noch viele Faktoren stimmen, damit wir Fakten langfristig abspeichern. Das sind zum Beispiel neben dem schon genannten richtigen Hormoncocktail und mäßigem Stresslevel auch Interesse, vorhandenes Wissen sowie die richtige Dosis an Informationen.

Warum das Google-Gedächtnis unsere Merkfähigkeit schwinden lässt

Ein großer Vorteil der Digitalisierung und des Internets ist, dass das Wissen dieser Welt ständig und in nie vorstellbarem Ausmaß zur Verfügung steht. Wir müssen einfach nur googeln. Während wir früher auf der Suche nach Antwort in Büchern nachgeschlagen haben, schauen wir jetzt kurz ins Internet.

Die Haltbarkeit dieses Wissens in  unserem Gedächtnis ist extrem kurz. Wenn wir uns anschauen, wie ein Lernvorgang im Gedächtnis aussieht, wird verständlich, warum einmal kurz googeln nicht ausreicht:

Jede Sekunde prasseln unzählige Sinneseindrücke auf uns ein: Geräusche aus der Umgebung, Wörter auf Plakatwänden und an Zeitungsständern, die Kühle einer Türklinke, die wir in die Hand nehmen und das angenehme Gefühl des Pullovers auf unserer Haut. Daneben natürlich all das, was wir bewusst wahrnehmen: Das Gespräch mit unserem Kollegen, das Lesen einer E-Mail oder das bewusste Fühlen eines bestimmten Gegenstandes in unserer Hand.

Würde unser Gedächtnis all das ungefiltert abspeichern wollen, wäre es schnell heillos überfordert. Gut, dass es unser Ultrakurzzeitgedächtnis gibt: Es ist sozusagen ein Puffer, der all die Dinge erst gar nicht in unser Gedächtnissystem hereinlässt, die irrelevant sind.

Dass es damit manchmal auch Informationen herausfiltert, die wir uns merken wollen, sollten wir ihm nachsehen. Besser, wir vergessen den ein oder anderen Namen als dass unser Gedächtnisfilter nicht funktionieren würde. Den so geht es vielen autistischen Menschen: Ihr Filter funktioniert nicht richtig und so sind sie nicht in der Lage, verschiedene Informationen richtig einzuschätzen und zu priorisieren.

Hat eine Information diesen Gedächtnispuffer überwunden, landet es im Kurzzeitgedächtnis. Dort speichern wir Dinge, wie der Name schon sagt, kurze Zeit ab. Diese Informationen erinnern wir noch ein paar Minuten oder wenige Stunden lang. Das ist lang genug, damit wir mit diesen Informationen arbeiten oder beispielsweise eine Diskussion führen können.

Allerdings ist dieses Kurzzeitgedächtnis, oft auch Arbeitsspeicher genannt, in seiner Kapazität extrem beschränkt. Man spricht von sieben bis neun Speichereinheiten, die dort nur Platz haben. Das bedeutet, dass wir uns eine Liste von sieben bis neun Dingen einigermaßen merken können. Kommt eine zehnte Information hinzu, fliegt Nummer eins wieder heraus.

Dritte und letzte Station in diesem Prozess ist das Langzeitgedächtnis. Hier sind all die Fakten abgespeichert, an die wir uns monate-, jahrelang oder auch ein Leben lang erinnern.

Fürs Lernen braucht es das Langzeitgedächtnis

Wichtige Fragen im Zusammenhang mit Lernen sind: „Wie schaffen es denn jetzt Informationen bis in unser Langzeitgedächtnis?“ und „Wie können wir verhindern, dass Wichtiges bereits an unserem Gedächtnispuffer scheitert?“

Da der Puffer alles aussortiert, was er als irrelevant betrachtet, müssen wir unserem Gehirn nachhelfen und wichtige Informationen besonders „kennzeichnen“. Das können wir tun, indem wir diese Fakten emotional aufladen oder durch verschiedene Reize dem Gehirn gewissermaßen in verschiedenen Formen darreichen.

Versuchen Sie beim Merken möglichst viele Sinne einzusetzen: Schreiben oder zeichnen Sie die Information auf, blättern Sie danach in einer Fachzeitschrift und stellen Sie sich vor, wie sich diese Information anfühlt, schmeckt oder riecht – was eben möglich ist.

Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Warum sich nicht vorstellen, wie sich die Steine des Kolosseums in Rom anfühlen, wie es dort riecht, und wie sich das Sprachgewirr dort anhört, wenn Sie dabei sind, sich die sieben Weltwunder der Neuzeit zu merken. Bei den anderen Weltwundern gehen Sie genau so vor.

Eine weitere wichtige „Kennzeichnung“ besteht in Emotionen: Betten sie Fakten in Geschichten, Bilder oder in Musik. All das ruft Emotionen hervor. Je emotionaler etwas ist, desto leichter wandert es durch alle Hürden bis ins Langzeitgedächtnis. Beweis gefällig? Dann denken Sie an Ihren ersten Kuss, an das Bestehen Ihrer Führerscheinprüfung oder an 9/11. All das ist in Ihr Gedächtnis eingebrannt, weil es extrem emotional aufgeladen ist. Das heißt: Das Kolosseum könnte zu einem italienischen Schlager tanzen oder Sie malen es in besonders bunten, grellen Farben an – rein gedanklich, versteht sich.

Neben diesem „Lernen mit allen Sinnen“ ist es für den Transport von Wissen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis außerdem essenziell, das Gelernte zu wiederholen. Wenn wir etwas einmal gelesen haben, ist eine zarte Gedächtnisspur entstanden. So wie wenn wir bei Schneefall über eine leicht gezuckerte Straße gehen: Die Spur ist schnell wieder weg, weil neuer Schnee sie bedeckt. Gehen wir aber immer wieder denselben Weg, gräbt sich in den tiefer werdenden Schnee einen Spur ein. Bis sie wieder weg ist, wird es dauern.

So geht es mit Fakten: Je öfter wir sie wiederholen, desto stabiler wird die Spur davon in unserem Gehirn und desto schwieriger wird es, sie auszulöschen.

Wenn wir googeln, berauben wir uns all dessen, was diesen Gedächtnisprozess ausmacht. Wir inhalieren kurzfristig Lerninhalte, die wir im Moment des Aussprechens meist schon wieder vergessen haben.

Wer sich auf dieses ausgelagerte, immer verfügbare Teil unseres Gedächtnisses verlässt, speichert nichts mehr ab. Doch das ist fatal. Denn wer nichts weiß, der kann keine eigenen Entscheidungen treffen. Der muss sich auf sein Umfeld verlassen, dass es ihm die „richtige“ Entscheidung vorgibt.

Wer nichts weiß, kann Fakten nicht beurteilen und fällt auf Fake News herein. Denn er kann keine seriöse von einer unseriösen Datenquelle unterscheiden und muss das glauben, was in seiner Filterblase geschrieben wird.

Dass das ganze Wissen unserer Welt ständig und sofort verfügbar ist, ist ein Segen. Es erleichtert uns das Leben und wir möchten es nicht mehr missen. Gut ist auch, dass wir uns nicht mehr alles merken müssen. So können wir unser Gedächtnis entlasten und uns auf Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig sind.

Und gerade deshalb ist wichtig, dass wir bewusst nachdenken, bevor wir googeln und ob wir wirklich googeln sollten. Wir sollten unserem Gedächtnis die Chance geben, sich selbst an das ein oder andere erinnern zu können. Oder wir kommen mehr ins Gespräch miteinander und finden gemeinsam die richtige Antwort heraus.

Warum das Homeoffice uns müde macht

In den letzten Monaten fand eine digitale Disruption ohnegleichen statt. Was nie für möglich gehalten wurde, war plötzlich Wirklichkeit: Fast alle Büroarbeitsplätze wurden digital.

Doch dabei fanden auch die Grenzen des Homeoffice ihren Ausdruck in dem neu entstandenen Begriff „Zoom-Fatigue“, also „Zoom-Müdigkeit“. Sie beschreibt die Tatsache, dass wir Webmeetings als extrem ermüdend empfinden.

Das Problem liegt darin, dass unser Gehirn in „normaler, analoger“ Kommunikation aus der Körpersprache des Gegenübers Informationen sammelt und wir deshalb in einer bestimmten Art und Weise reagieren. Online sehen wir maximal den Oberkörper, oft nur den Kopf unserer Gesprächspartner. Wir hören den Atem nicht, wenn der andere Luft holt, um uns zu unterbrechen. Wir sehen die Mikromimik nicht. Diese kleinen Muskelbewegungen im Gesicht machen den Unterschied, ob wir ein Lächeln als echtes Lächeln erkennen oder ob es auf uns „falsch“ wirkt.

Unser Gehirn versucht während eines Online-Meetings die ganze Zeit, diese nonverbalen Signale zu erkennen – ohne Erfolg.

Unser Gehirn versucht während eines Online-Meetings die ganze Zeit, diese nonverbalen Signale zu erkennen – ohne Erfolg. Dafür verbraucht es ziemlich viel Energie. Und das macht müde. 

Ein weiterer wichtiger Faktor im Homeoffice ist, dass wir meist nicht allein sind. Ob Partner oder zu betreuende Kinder: Auch bei optimaler Selbstbeschäftigung und großzügiger Wohnsituation können wir niemals unsere ganze Konzentration auf das, was vor uns liegt, fokussieren. Unbewusst sind wir immer im Alarm-Modus.

All das bedeutet für unser Gehirn: Stress. Statt Kuschelhormone wie Oxytocin auszuschütten, wenn wir uns beim analogen Meeting die Hand geben, sind die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin angesagt. Statt im kurzen Smalltalk vor dem Meeting die Atmosphäre und Stimmung der Kolleginnen und Kollegen auszuloten, versucht unser Gehirn, neben der Konzentration auf das Inhaltliche, am Bildschirm alle Teilnehmer im Blick zu haben. Und das, obwohl dort bestenfalls kleine Kacheln von einigen wenigen Anwesenden zu sehen sind.

Und so wissen wir auch nach einem langen virtuellen Meeting immer noch nicht, wie es ihnen geht und ob wir unterstützen sollten oder selbst auf Unterstützung hoffen können.

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Wie das Smartphone uns zu ineffizientem Multitasking verleitet

Vielleicht haben Sie sich oder Ihre Angehörigen auch schon bei diesem Phänomen ertappt: Dem Hantieren mit dem „second screen“. Wenn wir zum Beispiel fernsehen, haben viele nebenher noch ihr Smartphone in der Hand. Wenn Sie an einem Webmeeting teilnehmen, werden Sie sehr wahrscheinlich ab und zu wenigstens kurz E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten checken.

Ihnen gibt das das Gefühl, effizient zu sein. Für Ihr Gehirn heißt das jedoch: Multitasking. Und das funktioniert nicht. Wenn wir konzentriert und effizient arbeiten oder etwas lernen wollen, dann geht das nur, wenn wir uns voll und ganz einer einzigen Sache widmen. Sobald eine andere dazukommt, sind wir nicht mehr aufmerksam bei der Sache.

Gehirngerecht arbeiten bedeutet: Eine Aufgabe nach der anderen erledigen, nicht gleichzeitig.

Das merken Sie spätestens dann, wenn Sie die E-Mail, die Sie während eines Telefongesprächs geschrieben haben, noch einmal senden müssen, weil Sie den Anhang vergessen haben. Gehirngerecht arbeiten bedeutet: Eine Aufgabe nach der anderen erledigen, nicht gleichzeitig.

Schlusswort

Digitalisierung hat uns viel Segensreiches gebracht, die Welt ohne sie wäre sicherlich ärmer. Nutzen wir einfach beides: Die faszinierende digitale Welt und die Freude des analogen Lebens 1.0. Lassen wir unser Gehirn 4.0 das tun, was es am liebsten tut: arbeiten.

Mit unseren fünf Sinnen, die unser Gehirn zu einem Gesamtbild verarbeitet. Dem Abbau von Stresshormonen und Anschub der Dopaminproduktion bei Bewegung. Dem haptischen Erlebnis beim Blättern in Lexikon oder Atlas.

Merken Sie es? Die Dopaminproduktion läuft schon auf Hochtouren, ganz analog. 


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 87

Lebenslanges Lernen ist heute aktueller denn je – definitiv in dem Themenbereich, über den wir berichten. Es gibt zugleich noch mehr Aspekte und einige möchten wir in dieser Ausgabe genauer ansehen und erklären. So dreht sich ein Beitrag darum, wie wir unser eher analoges Hirn in der modernen Welt fördern und nicht etwa überfordern. Ein weiterer Artikel zeigt, wie wichtig Lernen und Wissen gerade in Transformationsprozessen sind. Und außerdem zeigen wir, wie sich ein Geschäftsmodell im Bereich E-Learning aufbauen lässt. Dazu haben wir zwei Bonus-Beiträge: Wir erklären darin, was es mit Googles „Core Web Vitals“ auf sich hat, die 2021 wichtig werden. Und wir geben Beispiele für Startups, die sich voll und ganz dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben haben. Nicht zuletzt stellen wir das E-Recruiting-Startup Lionstep vor.

Die UPLOAD Content Academy kommt!

Illustration zeigt Personen beim Lernen online
(Illustration: © AlisaRut, depositphotos.com)

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