Was ist Web3? Das idealisierte Internet der Zukunft erklärt

Das Schlagwort „Web3“ ist nicht einfach zu verstehen, da es etliche Interpretationen und Sichtweisen gibt. Es ist kein offizieller Name, sondern vielmehr ein Sammelbegriff für Ideen, Ideale und Technologien. Die Befürworter erhoffen sich u.a. eine Rückkehr zu einem freien Web und zu einem Ende der mächtigen Plattformen wie Facebook, Google oder Apple. Woher die Ideen kommen und was genau sie bewirken sollen, erklärt Jan Tißler in diesem Artikel.

(Illustration: © MininyxDoodle, depositphotos.com)

Vom Ur-Web zu Web 2.0 zu Web3

Als das World Wide Web an den Start ging, war es im Wesentlichen eine verlinkte Sammlung von Informationsseiten. Vor allem wissenschaftliche Einrichtungen, Behörden und Unternehmen waren hier zu finden. Es war so übersichtlich, dass man interessante Seiten manuell in einer Linkliste sammeln konnte und das lange Zeit sogar sinnvoll funktionierte. So startete dereinst Yahoo.

Der Begriff „Web 2.0“ sollte dann nicht nur andeuten, dass wir es mit einer neuen Version zu tun hatten, sondern dass sich das Internet zur Plattform für Dienste und Angebote weiterentwickelt hatte.

Es war keine offizielle Versionsnummer. Vielmehr war Web 2.0 ein gut gewählter Platzhalter, um über bestimmte Entwicklungen zu sprechen. So gehören Blogs und soziale Netzwerke zum Web 2.0: Die Nutzer:innen wurden hier nun selbst aktiv und waren nicht mehr nur hauptsächlich passiv. Angebote wie Facebook entstanden daraus oder auch die Wikipedia.

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Das Problem des Web 2.0 ist allerdings aus meiner persönlichen Sicht, dass zu selten freie Standards für diese neuen Anwendungen entwickelt wurden. Das ursprüngliche Web war gerade deshalb so faszinierend, weil alles miteinander zusammenarbeitete. Versuche wie die von AOL, Inhalte nur für die eigene Nutzerschaft aufzubereiten und anzubieten, schlugen letztlich fehl: Das offene Web war einfach zu vielfältig und interessant.

Für soziale Netzwerke oder auch Messenger entwickelte hingegen jeder Anbieter seine eigenen Systeme. Keines war mit dem anderen kompatibel. 

Das funktionierte in diesem Fall über den Netzwerk-Effekt: Facebook muss nicht selbst für interessante Inhalte sorgen, denn je mehr Menschen Teil von Facebook sind, desto mehr Menschen folgen ihnen. Diese Plattformen müssen dann vor allem mit ihren Algorithmen und anderen Techniken dafür sorgen, dass wir so häufig wie möglich wiederkommen. Das funktioniert bisweilen sogar deutlich zu gut oder hat erhebliche Nebenwirkungen. In einem eigenen Artikel habe ich bereits erklärt, wie das Social Web zur Dystopie werden konnte.

Was wesentlich ist: Keines dieser Unternehmen scherte sich darum, offene Standards zu entwickeln. Das ist auch nicht weiter erstaunlich: Sie sind alle gewinnorientiert und einige zudem durch Wagniskapital finanziert. Die Investoren und Aktionäre haben kein Interesse daran, mit ihrem Geld freie Standards zu finanzieren, die jeder kostenlos nutzen kann. Vielmehr geht es darum, sich gegen alle anderen durchzusetzen und die Gewinne zu maximieren – in vielen Fällen wie Facebook oder Uber klar nach dem Motto: „Koste es, was es wolle.“

Deshalb sind nun einige wenige Unternehmen die Torwächter in einem eigentlich offen angelegten Web: Facebook, Google, aber auch Apple mit ihrem App Store gehören dazu. Sie haben enorm viel Macht, sie machen ihre eigenen Regeln und vieles passiert unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Web3 möchte diese Entwicklungen zurückdrehen. Es will diesen Unternehmen die Macht wieder entziehen und sie zurückgeben in die Hände der Nutzer:innen. Dazu gleich mehr.

Auch „Web3“ ist bei alldem keine offizielle Bezeichnung. Es ist ein Schlagwort, das auf eine erhoffte Zukunft hindeuten soll. Manchmal ist auch von Web 3.0 zu lesen.

Diese erhoffte Zukunft basiert auf allerlei Technologien, die in den letzten Jahren ihren eigenen Hype erlebt haben. Dazu gehört nicht zuletzt die Blockchain.

Welche Hoffnungen stecken hinter Web3?

Interessanter als die technischen Details ist aber die Frage: Welche Vision steckt hinter diesem Begriff? Wie soll sich das Web nach den Vorstellungen der Web3-Befürworter entwickeln?

Hier hat jede Person ihre ganz eigene Sichtweisen. Entsprechend gibt es etliche Interpretationen dazu, was mit Web3 gemeint ist. Aber es lässt sich grob in die folgenden Themen aufteilen:

Plattform-Monopole wie Facebook, Google, Apple stürzen

Die Abhängigkeit von einigen wenigen Anbietern soll verschwinden. Klappen soll das (wieder) mit offenen Standards und mit einem dezentralen Ansatz.

Beispiel: Anstatt mein Profil bei jedem Social Network von Neuem anzulegen, habe ich ein Profil, das ich je nach Bedarf bei einem neuen Netzwerk nutze. Schließlich lege ich ja auch nicht für jedes Social Network eine neue E-Mail-Adresse an. 

E-Mail ist ein gutes Beispiel für einen offenen Standard, der zeigt, was möglich ist: Egal, bei welchem Anbieter meine E-Mail-Adresse liegt, kann ich damit jeder anderen Adresse schreiben und von dort Nachrichten empfangen. Niemand verdient etwas direkt damit. Aber wer will, kann einen Dienst auf dieser Basis anbieten – oder sich sogar selbst einen Mailserver einrichten.

Das ist die Power eines offenen Standards. Leider wurde der aber nicht weiterentwickelt. Selbst ein Unternehmen wie Google, das nach außen hin Open Source unterstützt, entwickelt neue E-Mail-Funktionen nur für den eigenen Dienst Gmail.

Überhaupt Google: Als das Unternehmen vor Jahren eine Konkurrenz zu Facebook etablieren wollte, setzte man auch dort nicht etwa auf offene und freie Standards. Man baute kein dezentrales Social Network der Zukunft. Google+ war stattdessen genauso proprietär und zentralisiert wie Facebook & Co.

Was das zeigt: Das Bekenntnis zu Offenheit und Wahlfreiheit ist leider oft nicht mehr als Marketing. Wenn‘s hart auf hart kommt, gewinnt in der Regel die Lösung, die die eigene Marktposition und den eigenen Profit sichert.

Die Nutzer:innen zu Teilhabern der Dienste machen

Und da sind wir auch schon beim Kern des Problems: Unternehmen wie Google, Facebook und Apple entscheiden heute für Milliarden Menschen, was sie zu sehen bekommen, was sie nutzen können und wie sie es nutzen dürfen, wer was wo sagen und veröffentlichen kann …

In der neuen Welt des Web3 hätten die Nutzer:innen selbst ein Mitspracherecht. Und sie könnten zudem am Erfolg eines Projekts beteiligt sein.

Denn es ist doch so: Angebote wie Facebook, YouTube, TikTok und andere hätten nichts, womit sie Geld verdienen könnten, würden die Nutzer:innen keine Inhalte schaffen.

Teilweise zeigen sich diese Plattformen erkenntlich und „Creator“ können sich etwas dazuverdienen. Aber das sind Almosen verglichen mit den Summen, die diese Anbieter mit den Inhalten verdienen.

In einer Web3-Welt wäre das (nach der Idealvorstellung) ganz anders. Die Nutzer:innen könnten sich mit jeder Aktivität einen Teil des Kuchens sichern. Ob der dann monetär ausgezahlt wird oder über Status oder Mitspracherecht, ist offen. Aber es wäre sichergestellt, dass nicht ein Unternehmen an meinen Aktivitäten verdient, sondern ich selbst etwas davon habe.

Alles dezentral und basisdemokratisch organisieren

Wie oben bereits erwähnt, soll das Web3 wieder allein auf offenen Standards basieren. Aber damit nicht genug: Diese Standards und Techniken sollen das Internet zudem im Kern wieder dezentralisieren.

Eine wichtige Rolle spielen dabei Blockchains. Vereinfacht gesagt ist eine Blockchain ein Verzeichnis von Transaktionen. Das wird mithilfe schlauer technischer Kniffe nicht an einer zentralen Stelle verwaltet, sondern auf etlichen Rechnern im Netz verteilt. Diese halten dieses Verzeichnis nicht nur aktuell, sondern stellen auch sicher, dass die Transaktionen korrekt erfasst und nicht manipuliert werden. Für diese Mühe werden sie mit Teilhabe belohnt.

In einem eigenen Artikel habe ich noch genauer erklärt, was es mit Blockchains auf sich hat und wie sie sich nutzen lassen.

Ein „Verzeichnis von Transaktionen“ kann dabei so etwas wie digitales Bargeld abbilden: Das wäre dann u.a. Bitcoin. Oder es lassen sich elektronische Sammlerstücke erstellen: Das sind dann NFTs. Mithilfe einer Blockchain lassen sich auch Verträge schließen, die dann sogar automatisiert abgewickelt werden können.

Das Modell lässt viele Anwendungen und Interpretationen zu. Im Falle von Social Media im Web3-Sinne wären dann alle Posts und Kommentare in einem Netzwerk solche Transaktionen. Wer sich aktiv beteiligt, könnte sich „Tokens“ verdienen. Wenn gewünscht, könnten solche Transaktionen letztlich dazu führen, dass Nutzer:innen zum Beispiel ein Mitspracherecht bei Entscheidungen bekommen.

Einige Web3-Verfechter glauben daran, dass sich soziale Netzwerke und andere Angebote basisdemokratisch oder zumindest selbstverwaltet umsetzen lassen. Und sie gehen davon aus, dass dies besser funktioniert als der heutige Ansatz, wo ein Unternehmen wie Apple bestimmt, was im eigenen App Store erlaubt ist und was nicht.

In einer Web3-Welt, wie sie sich einige Verfechter erhoffen, wäre das so nicht möglich. Die Nutzer:innen würden dagegen selbst entscheiden, was sie wie nutzen möchten und was sie angemessen finden. Es gäbe keine zentralen Entscheider und Anbieter mehr. Alles wäre dezentral organisiert, würde auf freien Standards basieren und sich so entwickeln, wie die Community es will. Alle Vorgänge wären zudem nach außen hin transparent.

Und gefällt es dir an einer Stelle nicht mehr, gehst du eben woanders hin oder startest dein eigenes Angebot. Dein Profil nimmst du einfach mit.

Alles das würde nicht nur für soziale Netzwerke gelten. Auch Suchmaschinen wie Google oder Marktplätze wie Amazon wären dezentral organisiert. Das Stichwort lautet Decentralized Autonomous Organizations (DAO), im Grunde eine digitalisierte Form der Genossenschaft.

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Kritikpunkte: Wie realistisch ist das Web3?

Diese Vorstellung einer basisdemokratischen Selbstverwaltung gehört zu den Punkten, die an der Web3-Ideenwelt kritisiert werden. Denn wie realistisch ist das?

Nach allem, was wir über die Entwicklung des Social Webs wissen, ist eines klar: Echokammern und Radikalisierung werden dadurch eher zunehmen als abnehmen. Fake News und Verschwörungstheorien könnten sich in der eigenen Filterblase ungehindert ausbreiten. 

Gleiches gilt für illegale Inhalte aller Art. Sie kann man sicher auch heute finden, vor allem im „Dark Web“, also außerhalb der alltäglichen und einfach abrufbaren Internetumgebung. Aber man wird nur selten aus Versehen über sie stolpern.

In einem wirklich dezentralisierten, offenen Internet wäre das anders. Es gäbe schließlich niemanden mehr, der hier einschreiten könnte. Ist das wirklich eine Welt, die wir wollen? Ist das ein Preis, den wir zu zahlen bereit sind, wenn wir im Gegenzug unabhängig werden von den meist willkürlichen Regeln einzelner großer Anbieter?

Andere Kritiker bezweifeln ganz grundsätzlich die technische Machbarkeit. Blockchains sind beispielsweise zwar ein interessantes Konzept mit einigen möglichen Anwendungsfeldern. Sie haben aber zum heutigen Stand technisch bedingt oftmals langsame Prozesse und zudem einen erheblichen Energieverbrauch. An diesen beiden Schwachpunkten wird zwar aktiv gearbeitet und es gibt inzwischen bessere Lösungen. Kritiker aber meinen, dass die Fans der Blockchain (und hier vor allem die Fans von „Kryptowährungen“ wie Bitcoin) nach weiteren Anwendungen für ihre Lieblingstechnologie suchen.

Eine weiterer Punkt ist die Frage, ob die breite Nutzerschaft des Internets überhaupt interessiert ist an so einem radikal gewandelten Internet. Ideen und konkrete Projekte rund um dezentrale soziale Netzwerke gibt es schließlich bereits seit vielen Jahren. Trotz dutzender Protest- und Abwanderungswellen gegen Facebook, Instagram und andere haben sich die aber nie durchgesetzt.

Die Anziehungskraft der großen Plattformen ist schlicht enorm. Für die durchschnittlichen Internetnutzer:innen sind sie einfach zu bedienen und zu verstehen. Zugleich interessieren sich diese Nutzer:innen in der Masse nicht für philosophisch-politisch-technische Grundsatzdiskussionen. Sie wollen Fotos posten und wissen, was andere Leute so machen, einen lustigen Sticker verschicken und sich die Zeit vertreiben. Das reicht.

Diese Massenträgheit müssen neue Angebote erst einmal überwinden. 

Und solange die Mehrheit der Nutzerschaft sich nicht bewegt, ist es auch für viele Creator nicht interessant oder lohnenswert, sich andernorts aufzuhalten. Das ergäbe für die meisten keinen Sinn, da sie das Publikum brauchen.

Schlusswort

Meine persönliche Einschätzung: Web3 wird das heutige Web nicht so komplett ersetzen, wie es die größten Fans hoffen. Stattdessen werden die großen Player einige Ideen und Ansätze übernehmen, um relevant zu bleiben und die heute teils radikale Interpretation des Begriffs Web3 nach und nach verwässern.

Wir werden also ausgewählte Bruchstücke der Web3-Ideale bei Facebook, Google, Apple und anderen wiederfinden, sofern es daran Interesse bei der Nutzerschaft gibt und sofern das Geschäftsmodell dieser Unternehmen dadurch intakt bleibt. Darüber hinaus werden wir neue Player sehen, die Web3-Ansätze fürs Marketing in eigener Sache nutzen, auch wenn sie es nur teilweise umsetzen. 

Zudem kann ich mir gut vorstellen, dass aus den Web3-Idealen und -Techniken neue Dienste, Anwendungen und Gruppierungen hervorgehen, an die wir heute noch gar nicht denken und die mit den bisherigen Ansätzen gar nicht möglich sind. Die Idee einer dezentralen Organisation hat aus meiner Sicht beispielsweise Potenzial für klar definierte Anwendungsfelder, wie sie hier auch beschrieben werden.

Insofern bin ich gespannt, was sich aus diesen Ideen entwickelt. Ich bleibe vorsichtig optimistisch, dass ein dezentrales, freies Internet den großen Plattformen zumindest einen Teil ihrer Marktmacht entziehen kann.

Und vielleicht wird zumindest das „Metaverse“ dann von Anfang an mit den Idealen des Web3 entwickelt. Nach meinen Erfahrungen aus 25 Jahren Internet bin ich da allerdings nicht sehr optimistisch.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 100

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