Plädoyer für mehr Teilzeit: Sie hilft Familien, Unternehmen und der Gesellschaft

Der Wunsch nach Teilzeit war schon vor der Pandemie weit verbreitet. Seitdem haben sich die Möglichkeiten, Arbeitszeit und -ort flexibler zu gestalten, in kurzer Zeit enorm entwickelt. Das Thema wird neu gedacht und das ist eine äußerst positive Entwicklung, findet Levke Timmann. Es gelte nun, schlaue und kreative Ideen zu entwickeln, die nicht nur den Mitarbeitenden helfen, Arbeit und Leben neu zu denken. Es gelte aber auch, die Unternehmen und uns als Gesellschaft voranzubringen.

(Illustration: © vectorlab, depositphotos.com)

30/30 als Beitrag zur Verbesserung der Gleichberechtigung

Junge Menschen arbeiten oft in Vollzeit. Dabei liegt die klassische Arbeitszeit meist noch bei 40 Std./Woche. Das Recht auf Teilzeit wird meist erst in Anspruch genommen, wenn Care-Arbeit für Kinder oder Angehörige dazukommt – dies allerdings häufig nur von einem Elternteil. Dieses arbeitet dann oft nur noch 20 Stunden die Woche, um so die Kinder rechtzeitig aus der Kita abzuholen oder Schulkinder nachmittags zu begleiten. Der andere Elternteil arbeitet meist weiterhin in Vollzeit weiter. 

Es gibt damit also einen Haupt- und einen Nebenverdienenden – mit einer 40/20 Aufteilung. So weit, so bekannt.

In den meisten Fällen wird das Gehalt von 60 bis 70 Wochenarbeitsstunden benötigt, um eine Familie gut zu versorgen. Was wäre aber, wenn mehr Paare eine gleiche Verteilung dieser Arbeitszeit anstreben würden? Wenn beide Partner gleich viel arbeiten und gleich viel verdienen würden, statt eine:r ganz viel und eine:r ganz wenig? Wenn es keinen Hauptverdienenden und Nebenverdienenden gäbe?

Wie wäre es zum Beispiel mit einer Aufteilung von 30/30 Std./Woche oder 35/35 Std./Woche? Dies würde beiden Partnern ermöglichen, eine bessere Balance zwischen Arbeit und Familie zu finden. 

Beide Partner könnten damit die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit wirklich wahrmachen. Mehr als 20 Std./Woche Arbeit würde das Einarbeiten in Projekte, die Teilhabe und die Mitgestaltung spürbar vereinfachen. Beide Partner hätten damit bessere Chancen, in ihren beruflichen Projekten und Aufgaben wirksamer zu werden. Und vor allem würden beide gleich viel verdienen – es entstünde keine finanzielle Abhängigkeit mit all ihren Folgen auch für die Gesellschaft. Auch könnte eine gerechtere Aufteilung dabei helfen, traditionelle Rollenbilder zu brechen und so Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. 

Es gäbe viel zu gewinnen, sowohl für die Familien als auch für die Unternehmen.

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30/30 als Flexibilitäts-Boost für Unternehmen 

Nun höre ich schon die Rufe: „Würde ich ja gerne machen, aber mein Arbeitgeber unterstützt mich nicht!“ Und damit haben leider viele Recht. 

Die Menschen sind – gerade durch die Zeit der Pandemie – viel flexibler geworden. 

Aber nicht nur das:  Auch ihre Ansprüche sind gewachsen. Denn so hat sich in den vergangenen Jahren in vielen Branchen das Home Office etabliert. Das Arbeiten aus den eigenen vier Wänden oder sogar aus dem Ausland erfreut sich ungebrochen großer Beliebtheit – nicht zuletzt, da diese Art der Arbeit ein deutlich erhöhtes Maß an Flexibilität ermöglicht. Dies sind Annehmlichkeiten, die viele Arbeitnehmende auch in der Zukunft nicht mehr missen wollen. 

Wenn sie im Arbeitsmarkt konkurrenzfähig bleiben wollen, müssen die Unternehmen dem entsprechend Rechnung tragen. Dabei hilft es, wenn Unternehmer:innen sich klar machen, dass sie mit mehr Teilzeitangeboten nicht nur etwas für ihre Mitarbeitenden tun, sondern diese auch enormes Potential für ihr Unternehmen haben. Es ist zu beobachten, dass die Produktivität und Effizienz von Mitarbeitenden in Teilzeit steigt. Und der noch viel schönere Effekt ist, dass sich durch die höhere Zufriedenheit nachweislich auch die Bindung der Menschen an das Unternehmen verbessert. Wer sich die Kosten für das Finden und Einarbeiten von neuen Mitarbeitenden vor Augen hält, versteht schnell, warum mehr Flexibilität bei der Teilzeitfrage viele Kosten einsparen kann.

Aber auch die Organisation insgesamt profitiert von mehr Teilzeitmitarbeitenden. Bei Ausfallzeiten durch Krankheit oder Urlaub müssen nicht gleich volle 40 Stunden anders verteilt werden, sondern unter Umständen nur 30. Die Zeiten lassen sich im Team leichter auffangen. Wir haben es also mit einer Win-Win-Situation zu tun, bei der sowohl Arbeitnehmende als auch die Unternehmen sehr profitieren können. 

Auch der Fakt, dass bei einer hohen Teilzeitquote insgesamt mehr Mitarbeitende in einem Unternehmen tätig sind, bringt Vorteile mit sich. Mehr Menschen bedeutet mehr Wissen. In unserer sich schnell verändernden Welt sind Unternehmen darauf angewiesen, das kollektive Schwarmwissen auf dem besten Wege zusammenzubringen. Denn Innovation wird erst möglich, wenn auch das entsprechende Know-how in einem Unternehmen vorhanden ist. Und mehr Mitarbeitende bringen zwangsläufig ein breiteres Wissen mit.

30/30 als Herausforderung mit großem Potenzial

Viele Menschen mit vielen unterschiedlichen Teilzeitmodellen sind allerdings – das darf man nicht überspielen – auch eine Herausforderung für die Arbeitsabläufe. Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, unsere Agentur als großes Puzzle aus unterschiedlichem Know-how und unterschiedlichen Arbeitszeiten zu verstehen und unsere Stärke aus der Flexibilität zu ziehen, die das mit sich bringt. Dabei hilft eine gute Organisation mit den passenden Strukturen und Prozessen. Wir setzen dabei auf Agilität, viel Transparenz in der Bereitstellung von Informationen und gegenseitiges Vertrauen. 

Alle Informationen zu Kunden, Projekten und Liefergegenständen werden im Team transparent geteilt. Die Verantwortung geht auf das ganze Team über, sodass es keinen Entscheidungsstau gibt, wenn im Team mal eine Person ausfällt oder kürzer anwesend ist.

Gleichzeitig braucht es gegenseitiges Vertrauen und die Bereitschaft aller, Verantwortung zu übernehmen. Wenn dann noch genügend Menschen im Team sind, die sich die Arbeit teilen und die Rollen optimal ineinander greifen, wird das Puzzle komplett.

Wir haben heute eine Teilzeitquote von 40 Prozent und hätten gerne noch mehr Kolleg:innen mit ca. 30 Std./Woche. Das scheitert aber häufig daran, dass die Arbeitgeber der Partner:innen unserer Mitarbeitenden auf Vollzeitmitarbeit pochen und den Familien wenig Spielraum bleibt. Dabei wäre mit einer 30/30 Aufteilung allen Unternehmen geholfen. Also lasst uns als Unternehmer:innen mutiger sein!

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30/30 als Schritt zu einer gerechteren Gesellschaft

Teilzeitarbeit ist seit Langem für viele Frauen ein selbstverständlicher Teil ihres Berufslebens. So waren im Jahr 2020 mit 9 Millionen rund die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit beschäftigt. Das sieht bei den Männern allerdings noch deutlich anders aus: Von den erwerbstätigen Männern waren nur 2,4 Millionen und damit nur etwa 12,5 prozent in Teilzeit beschäftigt. 

Würden mehr Männer dieses Recht nutzen und vor allem nutzen können, hätten wir als Gemeinschaft die Chance, einen großen Schritt in Richtung Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Privat- und Arbeitsleben zu machen. Dafür müsste man sich von traditionellen Werten und Vorstellungen wie der Ernährerrolle des Vaters trennen. 

Dies würde die Gemeinschaft stärken, finanzielle Abhängigkeiten in der Partnerschaft reduzieren und das gesamte Potenzial und Know-how unserer Gesellschaft heben, da mehr Menschen die Möglichkeit hätten, ihre Talente und Fähigkeiten zu entwickeln und einzubringen.  

Fazit

Es lohnt sich, die Verteilung der Arbeitszeit neu zu denken:

  • Für mehr Gleichberechtigung. Denn beide Partner sollten dieselbe Möglichkeit haben, sich um Kinder oder Angehörige zu kümmern und sich den Projekten in ihren Unternehmen zu widmen, ohne dort das Gefühl zu haben, inhaltlich abgehängt zu werden. 
  • Für mehr Zufriedenheit in den Familien. Denn Eltern sollten beide die Chance haben, ihr Familienleben zu gestalten.
  • Für mehr Know-how und Flexibilität in Unternehmen. Denn mehr Mitarbeitende in Teilzeit bedeuten mehr Fachwissen und die Möglichkeit, auf Unvorhergesehenes flexibler zu reagieren. 
  • Für eine bessere und gerechtere Gesellschaft.

Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 107

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