Augenhöhe oder Applaus? Was wirkliche Thought Leadership bedeutet – und wie man sie erlangt

Hinter Thought Leadership steckt die Idee, sich als vertrauenswürdige Fachperson zu einem Thema zu positionieren. Dafür ist es unter anderem hilfreich, als Individuum mit eigenen Erfahrungen, Meinungen und Perspektiven aufzutreten. Nicht selten wird es allerdings als Einladung zur reinen Selbstdarstellung missverstanden, wie Dr. Kerstin Hoffmann schreibt. Worum es wirklich geht und was Thought Leadership erfolgreich macht, erklärt sie in diesem Beitrag.

(Foto: © kasto, depositphotos.com)

Einführung

Manche Menschen sind Top-Expertin oder Top-Experte vor allem in einem einzigen, wahnsinnig interessanten Fachgebiet: sie selbst. Das betrifft sogar ziemlich viele Menschen, so könnte man den Eindruck beim täglichen Scrollen durch die Timelines bei LinkedIn, auf Instagram oder auch bei Facebook gewinnen. Nie werden diese Personen müde, sich immer wieder mit Selbstbildnissen und Selbstbeschreibungen im besten Licht zu präsentieren. Wir erfahren, warum sie ein toller Hecht geworden sind, obgleich sie in der dritten Klasse mal eine Fünf in einem Mathe-Test eingefahren hatten. Oder wir sehen sie in nachdenklicher Pose, während sie ihre ganz eigene Form der Arbeitsmoral reflektieren. Inhaltlicher Wert ansonsten? Eher fraglich. Thought Leadership? Allenfalls in eigener Sache. 

Dabei ist ja gegen eine Bebilderung von Postings mit dem eigenen Porträt generell gar nichts einzuwenden. Sogar im Gegenteil: Gesichter sind nun einmal Blickfänger. Wir alle sind als allererstes auf diesen Schlüsselreiz eines menschlichen Gesichts konditioniert. Wir wollen nicht nur Textwüsten lesen, sondern gerne unser Gegenüber, das ein pointiertes Statement abgibt oder zu einem Fachgebiet informiert, auch sehen und als Person kennenlernen. Da Postings, auf denen ein Mensch zu sehen ist, besonders viel Aufmerksamkeit erzielen, ist die Überlegung durchaus berechtigt: Wenn ich eine Information in die Welt bringen, eine gute Sache weitertreiben oder mich zu einem Thema fachlich profilieren will, ist es ja sinnvoll, die dafür besonders geeigneten Mittel zu wählen. 

Doch über die Wahl der Mittel hinaus: Was macht wahre Thought Leadership aus, und wie erlangt man sie?

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Warum der Anglizismus „Thought Leadership“?

Wörtlich übersetzt bedeutet „Thought Leadership“ so viel wie „Gedankenführerschaft“ oder „Denkführerschaft“. Als Konzept umfasst der Begriff aber viel mehr, nämlich eine Kombination aus Expertise, Einfluss und Vordenkertum. Durch das Teilen von fundiertem Wissen, Erfahrungen und visionären Ideen bieten Thought Leader Orientierung und Inspiration für ihre Zielgruppe. Thought Leader zeichnen sich durch ihre Fähigkeit aus, in ihrem Fachgebiet Nutzen für andere zu schaffen sowie andere Menschen mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen, ihren Erkenntnissen zu inspirieren.

Allerdings gibt es im Deutschen keinen etablierten, ebenso prägnanten Begriff, der diese Bedeutung vollständig einfängt und gleichermaßen geläufig ist wie der englische Ausdruck. Daher habe ich mich entschieden, für diesen Beitrag den Anglizismus beizubehalten. 

Einfluss ist mehr als Reichweite

Wer Thought Leadership erlangen will, ist darauf angewiesen, viele Menschen zu erreichen. Dazu muss man die Medien und Mittel kennen und auf dieser Klaviatur auch spielen können. Doch die Klaviatur macht noch nicht den Virtuosen. Die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erzielen, sagt eben noch nichts über die Relevanz eines Sujets aus. 

Hohe Zahlen von Impressions/Views, Reaktionen und Kommentaren in einem sozialen Netzwerk sind schon einmal ein Erfolg. Aber sie sind nicht alles, schon gar nicht als KPI für Thought Leadership. Was wirklich zählt, ist der Einfluss in einem Fachgebiet, und der lässt sich nicht so einfach in Social-Media-Kennzahlen allein darstellen. 

Andererseits sind eben digitale Medien auf keinen Fall zu vernachlässigen. Wer heute glaubt, sich als Fachperson öffentlich etablieren zu können, ohne dort in Diskussionen einzutreten, wo die eigenen Zielgruppen, die Kolleginnen und Kollegen, andere Fachpersonen ebenso wie die interessierte Öffentlichkeit sich austauschen, hat einfach die Zeichen der Zeit nicht mehr auf dem Schirm. 

Trends erst erforschen, dann setzen

In einer Welt, die sich ständig weiterentwickelt, stellt es keine kleine Herausforderung dar, stets auf dem Laufenden zu bleiben und sich kontinuierlich weiterzubilden. Für Thought Leader bedeutet dies, ständig nach neuen Informationen, Trends und Entwicklungen im eigenen Fachgebiet zu suchen. Es gilt, das eigene Wissen kontinuierlich zu erweitern und zu aktualisieren. Thought Leader übernehmen dies auch stellvertretend für die Community, der sie mit ihren Kenntnissen und Skills dienen.

Dazu gehört auch die Offenheit gegenüber neuen Technologien. Typisches Zeichen dafür, dass jemand Angst davor hat, dass aktuelle Entwicklungen die eigene Position gefährden: Er oder sie schreibt lange skeptische Abhandlungen dagegen. Das ist kein Vordenkertum, das ist reaktionäre Realitätsverneinung. Aktuelles Beispiel: KI-Tools, die von vielen Menschen, die sich als Meinungsbildner verstehen, kategorisch abgelehnt und als minderwertig abgetan werden. Dabei kann sich erst im Ausprobieren erweisen, ob und welchen Nutzen sie schaffen können. Kritisches Hinterfragen ist notwendig und sinnvoll; über Gefahren nachdenken ebenfalls. Vor allem gilt es, nicht unreflektiert auf jeden Hype in den immer kürzer werdenden Zyklen aufzuspringen. Aber Experimentierlust und Neugier zeichnen Thought Leader ebenfalls aus.

Augenhöhe finden statt Applaus zu heischen

Wer mehr weiß als andere, braucht die Augenhöhe gedanklich nicht zu verlassen, um Wertvolles beizutragen. Im Gegenteil: Nur im Zuhören gelingt es, die Bedürfnisse und Interessen der Zielgruppe kennenzulernen. Anstatt sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und nur Applaus zu erwarten, gilt es mit eigenem Wissen und Fachkenntnissen größtmöglichen Nutzen zu schaffen. Dies bedeutet auch, offen für Feedback zu sein und die eigene Kommunikation kontinuierlich weiterzuentwickeln. 

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Qualität statt schierer Menge

Wertvolles Wissen bereitzustellen bedeutet keinesfalls, alles selbst Gewusste über den mehr oder weniger dankbaren Zuschauenden oder Mitlesenden auszuschütten. Der eigentliche Service von Wissensträgern gegenüber dem Netzwerk besteht eben darin, gründlich zu selektieren und dabei Wichtiges von Unwichtigem zu trennen: „Ihr bekommt von mir alles, was für euch aus diesem Fachgebiet interessant ist – aber auch zielgerichtet nur das, was für euch interessant ist.“ Dazu gehört auch, sich Zeit zu nehmen, um gründlich zu recherchieren. Thought Leader stellen stets sicher, dass die bereitgestellten Informationen korrekt und aktuell sind.

Der Fachmensch ist mehr als die Summe des Gewussten

Um sich als vertrauenswürdige Quelle in einem Fachgebiet zu etablieren, gehört es dazu, authentisch und transparent zu kommunizieren. Die Fachperson als ganzer Mensch mit ihren spezifischen Eigenschaften und ihrer persönlichen Geschichte ist mehr als die Summe des fachlich Gewussten. Sie scheut sich daher nicht, auch eigene Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge zu teilen, um der Zielgruppe einen realistischen Einblick in das Fachgebiet zu geben. Darüber hinaus gilt es, offen über die eigenen Motive, Ziele oder Beziehungen zu sprechen. So kann der Verdacht verdeckter Interessenskonflikte gar nicht erst aufkommen.

Thought Leadership ist keine Solonummer 

Thought Leadership umfasst den Austausch, die Zusammenarbeit und die Vernetzung mit anderen Fachleuten und einflussreichen Persönlichkeiten im eigenen Fachgebiet. Wer Kooperationen eingeht und gegenseitig voneinander lernt, erweitert den eigenen Horizont und mehrt das eigene Wissen. Wer unterstützt werden will, sollte andere Fachleute unterstützen und deren Arbeit anerkennen, anstatt sich ausschließlich auf den eigenen Erfolg zu fokussieren.

(tl;dr)

Erfolgreiche Thought Leadership fokussiert sich darauf, Nutzen zu stiften, anstatt sich selbst in Szene zu setzen. Thought Leader hören aktiv zu, stellen die Qualität des bereitgestellten Wissens vor die schiere Menge und bilden sich kontinuierlich weiter. Ihre Expertise beinhaltet nicht nur reines Fachwissen. Sie vermitteln auch persönliche Erfahrungen und fördern den Austausch mit anderen. Neuen Entwicklungen stehen sie offen und neugierig gegenüber. 

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Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 108

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