Einfach mal nicht innovieren

Die Versuchung ist immer wieder groß, sich „von der Masse abzuheben“: der Website ein einzigartiges Design zu verpassen, in einem Kommentar eine Minderheitsmeinung zu vertreten oder mit einem Artikel überraschende neue Erkenntnisse zu versprechen, während sich die Grundlagen des Themas gar nicht verändert haben. In seiner neuen Kolumne regt Jens Jacobsen an, einfach mal nicht innovativ zu sein. Denn auch dafür gibt es gute Gründe.

(Illustration generiert mit Google Gemini)

Vor einem Jahr hatte ich mich in meiner Kolumne schon einmal an der eigenen Nase gepackt und mich gefragt, warum es für uns Menschen so schwer ist, auch mal etwas zu löschen. Und warum wir statt dessen mehr und mehr Inhalte produzieren (siehe: Wir Messies). Das greife ich heute auf und erfinde mal nicht das Rad neu. Heute ist ein guter Tag, nicht zu innovieren.

Die Frage sollte generell nicht sein: „Was hast du heute geschaffen?“ Sondern besser „Was hast du heute gelöscht?“ Am besten halten wir es mit Inhalten so wie mit der Körperhygiene: Regelmäßiges Reinemachen tut auch unseren Websites oder Social Media-Profilen gut. Also lieber mal Löschen als Neues schaffen.

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Wo wir gerade dabei sind, uns Dinge abzugewöhnen: Auch das ständige Innovieren ist eine eher schlechte Angewohnheit. Ich kenne das aus manchen Workshops: Das ganze Team ist begeistert von einer Lösung, die heraussticht. Die alle Konventionen über Bord wirft und alles anders macht. Kein Stein bleibt auf dem anderen, Farben, Bildsprache, Struktur, die Bedienoberfläche – alles neu. Und es sieht völlig anders aus als alles andere – großartig, so heben wir uns von der Konkurrenz ab.

Der Haken daran: Das gefällt uns im Team meinst einfach deshalb, weil wir das Alte schon so oft gesehen haben. Den Nutzenden erweisen wir in den meisten Fällen damit einen Bärendienst. Gehören wir nicht zu den ganz wenigen, die Systeme verantworten, mit denen Millionen Menschen mehrere Stunden am Tag arbeiten (oder herumspielen), überschätzen wir leicht, wie wichtig Nutzende die Oberfläche nehmen. Gerade auf Websites ist die Oberfläche ihnen herzlich egal, sie nehmen sie nicht einmal bewusst war.

Nicht umsonst hat der wohlbekannte Usability-Experte Jakob Nilsen sein „Jakob’s Law of the Internet User Experience“ definiert als:

„Die meiste Zeit verbringen Nutzende auf anderen Websites.“

Das heißt, Nutzende erwarten, dass unsere Site genauso funktioniert wie alle anderen. Wenn wir unser Logo nicht nach oben links setzen und es nicht mit der Startseite verlinken, dann enttäuschen wir die Erwartungen der Besuchenden. Wenn wir dafür einen guten Grund haben und unsere Site dadurch besser funktioniert, dann ist das vielleicht eine Innovation. Wenn wir es aber nur anders gemacht haben, um uns abzuheben oder weil es schon so verdammt lange bei uns auf der Site anders war, dann ist das Unsinn.

Nicht viel anders ist es, wenn große Betriebssystemhersteller ein grundlegendes Update machen und die Elemente auf einmal gläsern sind statt undurchsichtig oder dann ein paar Jahre später undurchsichtig statt gläsern. Oft sind die Änderungen nur ästhetisch und führen teilweise sogar dazu, dass die Erkennbarkeit schlechter wird. Und generell bedeutet eine Änderung immer, dass wir Nutzende uns anpassen müssen. Wir müssen neu lernen, wie die Dinge aussehen. Der negative Effekt davon lässt sich messen und ist für jede Änderung an einer Bedienoberfläche zu beobachten. Gleich, ob es unsere Website ist, ein Betriebssystem oder eine spezielle App.

Das heißt nicht, dass wir uns vom Neuen nicht auch blenden lassen. Oft freut es uns, dass eine bekannte Oberfläche „frisch“ aussieht. Und dennoch ist der beschriebene Effekt zu beobachten: Wir brauchen länger, mit einem überarbeiteten System umzugehen.

Nur selten ist die Veränderung von einer Verbesserung der Nutzbarkeit getrieben. In diesen seltenen Fällen sind wir dank der Änderung schneller oder es passieren weniger Fehlbedienungen. Solche Veränderungen sind wirklich durchschlagend – alles andere ist nur Oberflächenpolitur.

Die sollten wir dann auch nicht als „Innovation“ verkaufen – denn das ist sie nicht. Überhaupt sollten wir mit dem Wort Innovation etwas vorsichtiger umgehen: Denn meist ist unsere vermeintliche Idee lediglich neu, aber nicht innovativ. Und wenn wir es ganz genau nehmen, dann ist es sogar unmöglich, ein innovatives Produkt, eine innovative Anwendung auf den Markt zu bringen. Denn nach der wirtschaftswissenschaftlichen Definition ist eines der Merkmale von Innovationen, dass sie sich am Markt durchgesetzt haben („Diffusion“).

Mit Inhalten verhält es sich kaum anders: Wir haben gelernt, immer einen neuen Ansatz zu finden für unsere Inhalte, einen Aspekt aufzugreifen, der neu ist. Oder eine Meinung zu vertreten, die anderes ist als die er anderen. „Hund beißt Mann“ ist langweilig, „Mann beißt Hund“ ist eine Schlagzeile – das lernen wir schon in der Schule.

Das Problem: Lesenden hilft das oft nicht weiter. So banal es ist: Die Mehrheitsmeinung ist bei vielen Fachthemen nun einmal meist richtig. Die Basics stimmen, sind seit Jahren bekannt und es hilft nichts: Will ich die wichtigsten Tipps zu guten Texten, zu erfolgreicher SEO oder für gute Kuchenrezepte zusammenstellen, dann komme ich fast immer auf die gleichen Punkte. Setze ich die Überschrift „Warum SEO tot ist“ darüber, bekomme ich vielleicht ein paar Klicks mehr, enttäusche aber, weil ich letztlich auch nicht das Rad neu erfinden kann.

Also, lassen wir weniger mehr sein und innovieren wir heute zur Abwechslung nicht. Bringen wir einfach Inhalte, die Lesende wirklich weiterbringen, lassen wir unsere Oberflächen wie sie sind und sorgen so für Entspannung bei uns selbst wie unseren Zielgruppen.

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