Ich kam, sah und überließ den Rest der KI

KI kann enorm hilfreich sein, aber auch die eigene Denkfaulheit fördern. Denn was nehmen wir mit, wenn wir uns einen langen Artikel einfach von der KI zusammenfassen lassen? Wie viele Gedanken machen wir uns, wenn wir eine E-Mail automatisiert beantworten? Wo also verläuft die Grenze zwischen hilfreicher Assistenz und assistierter Verdummung? Das fragt sich Jens Jacobsen in seiner neuesten Kolumne.

(Bild generiert mit Midjourney)

Es gibt KI-Funktionen, die möchte ich nie wieder hergeben. Nach einem einstündigen Interview oder Meeting in wenigen Minuten ein sauberes Transkript zu bekommen, ist Gold wert. Genauso die Recherche mit Sprachmodellen wie Claude oder ChatGPT, das Optimieren von Gliederungen, das Ordnen von Ideensammlungen – großartig. Ohne diese Werkzeuge könnte ich meinen Arbeitsalltag nicht mehr schaffen. Vielmehr: Ohne sie wollte ich ihn nicht mehr schaffen.

Aber bei aller Begeisterung für KI-Features: Im letzten Jahr wurden die in alles eingebaut, was nicht niet- und nagelfest war. Jedes zweite Produkt-Update kommt mit dem Claim „jetzt auch mit KI“, als wäre das allein ein Verkaufsargument. Das erinnert mich an ein Versprechen, das ich schon mal gehört habe: In den 2000ern hieß das Zauberwort „Personalisierung“: Jede Website sollte auf einmal perfekt auf jeden einzelnen Besuch zugeschnitten sein. Nur noch relevante Inhalte, nur noch passende Empfehlungen. Es wurden gewaltige IT-Budgets dafür vorgesehen – allen, die keine Personalisierung einbauten, denen wurde prophezeit, sie hätten keine Zukunft.

Was tatsächlich rauskam? Sehr Unterschiedliches. Empfehlungen bei Streamingdiensten funktionieren oft gut. Oder „Kund:innen kauften auch“-Empfehlungen in den bekannten Webshops. Für die Großen mit gewaltigen Datenmengen und schlauen Teams hat Personalisierung funktioniert. Aber das sind die Ausnahmen. Für mich als Nutzer sah die Realität meistens anders aus: Ich kaufte einen Monitorständer und sah monatelang nur noch Empfehlungen für Monitorständer. Wenn ich Glück hatte, für Verlängerungskabel. Das große Versprechen – jede Website perfekt zugeschnitten auf jeden Besuch – davon ist im Alltag wenig zu merken.

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Die Parallele zu heute: Wenn ein Produkt vorher wenig nützlich war, wird es durch ein KI-Feature nicht plötzlich nützlich. Ich kann damit Quatsch vielleicht schneller machen, aber Quatsch bleibt Quatsch. Soweit die Gemeinsamkeit. Aber diesmal steht mehr auf dem Spiel: Personalisierung hat umsortiert. Mir zusätzlich Dinge angezeigt oder vorhandene Inhalte in eine andere Reihenfolge gebracht. Ich habe trotzdem noch selbst geklickt, gelesen, entschieden. KI sortiert nicht um. KI übernimmt die Kontrolle. Sie fasst zusammen, sie formuliert, sie trifft Vorentscheidungen – oft nicht besonders transparent. Ich als Nutzer kann kaum prüfen, ob die Zusammenstellung sinnvoll ist oder nach welchen Kriterien die Auswahl getroffen wurde.

Und trotzdem spielen wir alle mit. Weil wir bequem sind. Ich merke es an mir selbst: Ich bekomme eine längere E-Mail oder finde einen interessanten Artikel mit mehr als tausend Wörtern. Mein erster Impuls: Puh, das ist aber viel, lassen wir das doch eben die KI zusammenfassen. Noch mache ich das nicht jedes Mal. Aber der Impuls ist da. Ich glaube, ich könnte den Text ja selbst lesen, wenn ich wollte. Aber ich will immer seltener. Und ich frage mich, ob ich irgendwann die Fähigkeit verliere, längere, komplexere Texte wirklich zu durchdringen – so wie ich die Fähigkeit verloren habe, mit einer Karte zu navigieren, seit das eine App für mich macht. Wobei das eine Fähigkeit ist, die ich nicht sonderlich vermisse.

Fürs Lernen ist aber nachgewiesen, dass eine gewisse Anstrengung nötig ist, damit etwas hängen bleibt. Anstrengung macht uns keinen Spaß, also verbringen wir lieber viele Stunden im Monat auf Duolingo, statt uns ein, zwei Stunden anzustrengen und eine Sprache ernsthaft zu lernen. Fühlt sich produktiv an, ist es aber nicht.

Auch ist es vielleicht keine gute Idee, wenn wir uns das Schreiben von der KI abnehmen lassen. Schreiben ist nicht nur Tippen. Schreiben ist ein Denkwerkzeug. Und das nützt mir auch bei scheinbar banalen Routinetätigkeiten. Wenn ich sage „Hey Siri, schreib meiner Redakteurin, ich finde Variante A besser“, dann habe ich drei Sekunden nachgedacht. Setze ich mich hin und tippe die Nachricht selbst, brauche ich eine Minute. In dieser Minute denke ich nach. Ich merke vielleicht, dass meine Argumente nicht überzeugen. Dass ich eigentlich noch etwas ergänzen müsste. Dass Variante B doch interessante Aspekte hat. Wenn die KI die Mail für mich erledigt, fällt mir das alles nicht auf. Nicht weil die KI schlecht schreibt, sondern weil ich gar nicht mehr in die Situation komme, selbst nachzudenken.

Das führt mich zu einer kritischen Frage: Was bleibt von mir und meiner Arbeitsleistung übrig, wenn ich alles Anstrengende die KI machen lasse? Was kann ich noch, was die Maschine nicht kann? Ich glaube, es wäre keine schlechte Idee, sich mit dieser unbequemen Frage zu beschäftigen. Oder wir fragen einfach mal die KI.

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