Der Brockhaus im Internet – Fünf Fragen an Klaus Holoch

Immer mehr zuvor kostenpflichtige Inhalte oder Beiträge aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften marschieren unaufhaltsam ins Internet. Jüngste Beispiele sind das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, das sein gesamtes Archiv ab 1947 online bereitstellt, sowie die Universität Harvard, deren Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Publikationen sich künftig direkt nach Abfassung im Netz tummeln sollen. Nun wandert auch der gesamte Inhalt der dreißigbändigen Brockhaus Enzyklopädie in das Reich der Bits und Bytes. Und zwar als werbefinanziertes Wissensportal und damit komplett gratis für jeden Internetnutzer. Schon am 15. April fällt der Startschuss: Von da an gibt es die geballte Wissensmahlzeit von 24.500 Seiten, einst schick mit Goldschnitt und Ledereinband versehen, im Internet. Ein guter Anlass, kurz vor Beginn ein paar Fragen zu den dortigen Plänen und Perspektiven zu stellen. Verlagssprecher Klaus Holoch beantwortete die Fragen.

Ab Mitte April heißt es klicken statt blättern: Die Inhalte der gesamten Brockhaus Enzyklopädie sind dann online verfügbar. Bei der Finanzierung von Online-Angeboten gibt es verschiedene Wege: Der SPIEGEL hat sein Archiv ebenfalls mittels Werbeeinnahmen gratis online gestellt, während die Encyclopaedia Britannica einen Jahresbeitrag nimmt. Was hat in Ihrem Hause den Ausschlag dafür gegeben, sich für das werbefinanzierte Modell zu entscheiden?

Die Erfahrungen der letzten Jahre – nicht zuletzt von Zeitungen und Magazinen zeigen, dass in Deutschland kaum jemand bereit ist, für Angebote aus dem Internet Geld zu bezahlen. Viele Online-Plattformen bieten daher mittlerweile ihre Angebote im Internet kostenfrei an und finanzieren sich durch Werbung. So wird es auch bei Brockhaus online sein. Wir sind überzeugt, dass unser Angebot so attraktiv ist, dass wir damit einen hohen Traffic auf unserer Plattform erzeugen und entsprechende Werbeerlöse erzielen. Dabei werden uns auch unsere Kooperationen mit großen Medien- und Contentpartnern unterstützen. Der Werbemarkt im Internet ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und wir merken an den bisherigen Reaktionen des Marktes, dass das von uns angebotene seriöse Bildungsumfeld für viele Werbetreibende hochinteressant ist. Aber natürlich ist sichergestellt, dass die Werbung ganz deutlich von den Inhalten abgetrennt ist. Der Star in unserem Angebot ist der Artikel.

Wie groß ist die Redaktion, die das Lexikonportal betreuen wird?

In der Online-Redaktion in Leipzig arbeiten über 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie kümmern sich um den inhaltlichen Ausbau von brockhaus.de. Brockhaus bleibt Brockhaus – auch im Internet. Wir verstehen uns als Wissensnavigator im Netz und bieten den Usern richtige, relevante und sichere Informationen.

Online-Lexika wie Wikipedia können permanent aktualisiert oder überarbeitet werden. Mit der Lancierung der kompletten Brockhaus Enzyklopädie im Internet stehen Ihnen insoweit die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung. Allerdings werden Aktualisierungen nach wie vor durch die redaktionelle Arbeit einer bestimmten Gruppe vorgenommen. In welchem zeitlichen Rahmen soll der Online-Brockhaus für die Nutzer überarbeitet werden und wird es ggf. Rubriken geben, die Aktuelles aus Wirtschaft und Politik aufbereiten und zu Lexika-Einträgen verlinken?

Natürlich ist klar, dass wir, wenn wir uns im Internet bewegen, andere Aktualitätskriterien definieren müssen als im Printbereich. Aber wir erheben nicht den Anspruch einer Tageszeitung. Klar ist aber natürlich auch, dass aktuelle Ereignisse sehr schnell eingearbeitet werden und bei Themen, wie beispielsweise der Fußballeuropameisterschaft oder den Olympischen Spielen von Peking, werden wir den Nutzern aktiv Hintergrundwissen anbieten. Was wir in dieser Richtung sonst noch bieten, sollten Sie sich direkt am Starttag anschauen. Brockhaus.de ist immer einen Klick wert.

Auf Ihrer Website wird das neue Lexikonportal als hinsichtlich der „multimedialen Ausstattung neue Maßstäbe“ setzend angekündigt. Auf welche Innovationen und Besonderheiten in der Ausstattung darf sich der wissenshungrige Nutzer freuen?

Mit Brockhaus online starten wir mit einer hochwertigen Substanz, die wir für das Medium „Internet“ entwickelt und aufbereitet haben. Zum Start wird das Portal bereits rund 300.000 Stichworteinträge enthalten. Neben der hervorragenden Textsubstanz bietet Brockhaus online multimediale Elemente, die Sie in dieser Menge und Qualität noch nicht kennen. Zum Beispiel ist eine Bilddatenbank enthalten, die über vier Millionen Bilder bereithält. Zu vielen Stichwörtern werden außerdem Audio-Files angeboten, ebenso zahlreiche Videos und Animationen. Also kann ich Ihnen bereits heute versprechen, brockhaus.de erfreut auch Ihre Augen und Ohren.

Hat die Ankündigung des Lexikonportals und die Befürchtung, dass die 21. Auflage des Brockhauses vielleicht die Letzte sein wird, einen Run auf die Restauflage ausgelöst? Und ist der Abschied von der Enzyklopädie in Printform tatsächlich endgültig? Eventuell wären doch kleinere Auflagen oder Sammlereditionen denkbar.

Nun zuerst möchte ich dazu sagen, dass die aktuelle Brockhaus Enzyklopädie ja noch ganz frisch ist und diese aktuell und auch langfristig in jeder guten Buchhandlung zu kaufen sein wird. Sie ist im Jahr 2005 erschienen und lag zur Buchmesse 2006 in 30 Bänden vollständig vor. Seit dem letzten Herbst gibt es außerdem jetzt ja auch noch die von Armin Mueller-Stahl gestaltete Sonderedition.

In der Tat gibt es derzeit eine erhöhte Nachfrage nach unseren Produkten. Nach der intensiven Berichterstattung über Brockhaus in den letzten Wochen ist dies aber auch nicht verwunderlich. Trotzdem möchte ich diese Gelegenheit nutzen und Ihren Lesern deutlich sagen, dass es auch weiterhin Bücher von Brockhaus geben wird. Es wird auch in der Zukunft Menschen geben, die sich von Haptik und Papier mit dem passenden Inhalt angezogen fühlen werden.

Über den Autor des Interviews

Christian Noe ist freier Publizist. Seine Website: www.christian-noe.de

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(Coverfoto: © alphaspirit, depositphotos.com)

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6 Gedanken zu „Der Brockhaus im Internet – Fünf Fragen an Klaus Holoch

  1. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der Brockhaus nachzieht. Ich suchte eigentlich den Vergleich der kürzlich gemacht wurde zwischen der Encyclopedia Britannica und Wikipedia, die zeigte, dass die Intelligenz der vielen genauso gut ist, wie das Expertenteam… erstaunlich.

  2. Mir hat Brockhaus noch vor 8 Monaten die “Enzyklopädie digital” für 2800 Euro verkauft. Niemand hat ein Wort über das geplante Online-Angebot verloren. Sonst wäre der Kauf natürlich nicht zustande gekommen. In meinen Augen sind das Drückerkolonnen-Methoden. Danke Brockhaus, nie wieder!

  3. @geogeo…das ist wirklich ärgerlich.

    Ich selbst habe keinen Brockhaus und ich habe auch nicht vor, mir einen solchen zuzulegen. Ich finde den preis ganz schön happig, zumal die Informationen aus dem Brockhaus ja nicht als Unikat zu bezeichnen sind, oder?

  4. @fatboy – die Informationen aus dem Brockhaus sind redaktionell bearbeitet und können deshalb in Publikationen zitiert werden.
    Der Preis ist schon happig, ich muss jedoch fairerweise anfügen, dass das gesamte Paket neben der Enzyklopädie eine Menge mehr bietet – Zugriff auf Datenbanken, Wissenscenter, Schülerlexikon, Brockhaus von 1906, verschiedene Medieninhalte, gepüfte Links ins Internet und einiges mehr.

    Inmediaone, der alleinige Lizenznehmer und Vertreiber dieses Produktes sieht die Online-Pläne des Brockhaus-Verlages natürlich auch nicht gerne und hat Gespräche aufgenommen. Daraufhin verschwand die Ankündigung der Online-Enzyklopädie auf der Internetseite des Brockhaus-Verlages umgehend. Da scheint es also noch eine Menge rechtlicher Bedenken zu geben.

    Ich bin mal gespannt, ob die Brockhaus-Pläne überhaupt umgesetzt werden können. Also zur Zeit bin ich mit meinem Produkt sehr zufrieden.

  5. Wenn man sich nur mal den enormen Produktionsaufwand hinter einem mehrbändigen Lexikon vorstellt, hat mich schon immer gewundert, wie so etwas profitabel betrieben werden kann.

    Die Brockhaus-Pläne kommen aber meiner Meinung nach zu spät, es wird wohl schwer werden an Wikipedia vorbeizuziehen…

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