Die geteilte Medienlandschaft und die acht Kreise der Kommunikation

Die Wege der Informationen werden immer vielfältiger. Kamen uns vor vielen Jahren Radio und Fernsehen noch schnell vor und hatten wir lediglich das heimische Telefon, um über größere Distanzen zu kommunizieren, ist unser Alltag heute vollgestopft mit Kommunikation. Dabei werden über private Kanäle längst nicht mehr nur private Informationen ausgetauscht. Die Aufgaben der Medien verändern sich, unsere persönlichen Kontakte werden wichtiger. Eine Bestandsaufnahme.


Wordle-Tagcloud des Artikels

Im Mittelpunkt: Ich

Im Mittelpunkt des gesamten Geschehens stehe noch immer ich und was ich direkt wahrnehme, erlebe, denke und fühle. Wie ich mich verhalte und welche der nun folgenden Informations- und Kommunikationskanäle ich benutze, bleibt ganz mir überlassen.

1. Kreis: direkte Umgebung

Wenn ich etwas erlebe, sehe, erfahre sind eventuell weitere Personen beteiligt, die das Geschehen ebenfalls mitbekommen. Informationen werden direkt ausgetauscht. Das ist der 1. Kreis, direkt um mich herum.

2. Kreis: SMS, Twitter, Instant Messaging, Handy

Über zahlreiche Mittel kann ich heute andere Menschen am Geschehen beteiligen, auch wenn diese gar nicht anwesend sind. Ich kann einem mir wichtigen Menschen eine Kurznachricht schicken. Ich kann sofort allen meinen Lesern eine Nachricht bei Twitter übermitteln. Ich kann jemanden mit dem Instant Messenger kontaktieren oder (was beinahe schon altmodisch wirkt): Ich kann jemanden per Handy anrufen.

Mit dem Handy habe ich inzwischen noch weitere Möglichkeiten. Ich kann das Geschehen in Bild und Ton festhalten, diese Informationen an ausgewählte Menschen schicken, sie im Internet veröffentlichen oder auch live ins Netz übertragen.

Die Beteiligten am 2. Kreis sind durch die modernen technischen Mittel im Prinzip mit dabei als wäre sie im 1. Kreis. Nur die Übermittlung und Unzulänglichkeiten dieser Übertragungswege stehen dazwischen.

3. Kreis: E-Mail, Weblogs, Internetforen, Telefon, Skype

Ein vollwertiger Internetzugang steht mir meistens nur zu Hause zur Verfügung, auf jeden Fall aber nicht an jedem beliebigen Ort. Die Kommunikation läuft hier bereits mit einer deutlichen Zeitverzögerung. Das gilt beispielsweise für E-Mails, Internetforen und Weblogs, die ja gerade für die nichtsynchrone Kommunikation geschaffen wurden: Ich schreibe rein und andere lesen es, sobald sie dafür Zeit haben.

Auch das Festnetztelefon oder sein Web-Pendant Skype & Co. gehören in diesen Kreis: Sie können nicht unmittelbar am Geschehen teilnehmen wie der 2. Kreis, aber dennoch sind sie Kanäle für den persönlichen Austausch von Informationen.

4. Kreis: News-Webseiten

Ab hier beginnt die Domäne der nicht-persönlichen Kommunikation, sprich: der Medien. Sie nehmen Informationen über ein Geschehen auf und verbreiten es. Am schnellsten sind die Nachrichtenseiten im Netz. Je nach Thema sind sie schneller als private Seiten – manchmal aber auch nicht. Je internationaler und je genereller ein Thema, desto eher haben sie einen Geschwindigkeitsvorsprung. Auf jeden Fall haben sie dann einen Informationsvorsprung.

Das gilt aber eben nicht für lokale und spezielle Themen, die von privaten oder professionell betriebenen Kleinst-Webseiten wie Blogs schneller und nicht selten auch inhaltlich stimmiger abgebildet werden.

5. Kreis: Radio & Fernsehen

Die früher schnellen Medien Radio und Fernsehen können mit dem Internet in drei Punkten nicht mithalten:

  • Sie sind langsamer.
  • Sie sind weniger ausführlich.
  • Sie sind unflexibler.

Während die Geschwindigkeit nicht immer wichtig ist, können sie mit der Informationsfülle des Internets nicht annähernd mithalten. Zudem ist der Zuschauer und Zuhörer immer darauf angewiesen, dass die gewünschten Informationen zufällig gerade gesendet werden, wenn er einschaltet. Im Internet ruft er sie hingegen ab, sobald er sie braucht.

Hatte das Fernsehen lange noch die Herrschaft über die bewegten Bilder, ist auch die inzwischen weg. Seiten wie Spiegel Online haben zahlreiche Fotos und Videos integriert und glänzen mit eigenen Berichten sowie ganzen Nachrichtensendungen, die jederzeit abrufbar bereitstehen. Und das gilt nicht nur fürs momentane Geschehen, sondern auch für alle früheren Berichte, die thematisch passend im Archiv zu finden sind.

6. Kreis: Tageszeitungen

Mit langem Abstand und somit weit abgeschlagen folgen nun die Tageszeitungen. Sie sind sehr spät dran und können sich an eine veränderte Nachrichtenlage nur einmal innerhalb von 24 Stunden anpassen. Hatten sie früher die Domäne der ausführlichen Informationen und der Hintergrundberichterstattung, können sie gut gemachten Webseiten und den zahlreichen Informationen des Internets nicht das Wasser reichen.

Das haptische Erlebnis der Zeitung ist ein Argument für sie. Gelegentlich wird außerdem angeführt, dass noch immer mehr Aufwand mit den Inhalten des gedruckten Produkts getrieben werde, sie besser recherchiert seien etc. – das aber ist eine rein redaktionelle oder verlegerische Entscheidung und hat keinen technischen Hintergrund. Online ginge das ebenso.

7. Kreis: Magazine, Zeitschriften

Noch sehr viel weiter weg sind die wöchentlich oder gar erst monatlich erscheinenden Zeitschriften und Magazine. Sie müssen ihre Stärke woanders finden. Kurz gesagt: Sie müssen die Zeit, die sie haben, nutzen. Während besonders im Internet großer Aktualitätsdruck herrscht, kann die Zeitschrift Themen zunächst beobachten und einen eigenen Zugang dazu entwickeln. Es gibt mehr Zeit für Gespräche und Recherchen. Sofern das als Mehrwert beim Leser ankommt, haben sie eine Chance.

Wie bei den Zeitungen gilt allerdings auch hier: Rein technisch gesehen könnten die meisten Magazin-Inhalte ebenso im Internet veröffentlicht werden. Es ist eine redaktionelle oder verlegerische Entscheidung, das Internet zum Nachrichtenticker zu degradieren. Eigentlich kann es mehr.

8. Kreis: Bücher

Am weitesten Weg vom aktuellen Geschehen sind Bücher, zum Beispiel Sachbücher. Sie sind dafür aber auch besonders sorgfältig ausgearbeitet (oder so sollte es jedenfalls sein). Sie blicken auf die Themen mit mehr Ruhe und Distanz. Es wird nichts hochgejazzt, was dort nicht hingehört, nur weil zufällig irgendwo noch ein großer Text fehlt.

Fazit: Die geteilte Medienlandschaft

Wie man sieht, stoßen die neuen Online-Kanäle für Informationen in eine Lücke, die es bis vor wenigen Jahren noch gab: Die Lücke zwischen unserem persönlichen Erleben und den klassischen Medien. Unsere Freunde mit ihren Meinungen, Äußerungen und Erlebnissen spielen eine größere Rolle, denn wir sind mit ihnen schneller und vielfältiger verbunden als jemals zuvor. Aber auch Fremde, die zum Beispiel auf einer Website eine Produktkritik schreiben oder mit denen wir gemeinsame Interessen entdecken, gewinnen an Bedeutung.

Je nachdem wie intensiv man die neuen Möglichkeiten des Internets nutzt, verblassen dagegen die Inhalte der alten Medien. Es ist also davon auszugehen, dass dies weitere Bevölkerungsgruppen erreicht, denn die Nutzung des Internets intensiviert sich.

Die früher alleinherrschenden Medien spielen dann natürlich noch immer eine Rolle. Aber sie müssen sich diesen Platz mit Informations- und Kommunikationskanälen teilen, die schneller und dichter an uns dran sind als sie es jemals sein könnten.

Das bedeutet für den Einzelnen mehr Meinungs- und Informationsvielfalt. Das bedeutet für den Einzelnen außerdem mehr Meinungs- und Informationsfreiheit. Denn eine miteinander vernetzte und untereinander kommunizierende Masse ist schwerer zu bändigen als eine überschaubare Gruppe professioneller Medienschaffender, die zudem noch ihren Lebensunterhalt damit verdienen und somit abhängig sind.

Jetzt neu: „Kanban – Die schnelle Einführung“

Kanban – Die schnelle Einführung
(Coverfoto: © fizkes, depositphotos.com)

Mehr über die Inhalte erfahren ...

 

5 Gedanken zu „Die geteilte Medienlandschaft und die acht Kreise der Kommunikation

  1. Sehr plausible Darstellung. Danke. Ich hatte bisher immer nur eine grobe Sphärenaufteilung in 1) Klassische Medien (TV, Radio, Print), 2) Neue Medien (Internet 1.0, Mobile) und Sozial-Medien (mehr oder weniger deine ersten 3 Kreise) vorgenommen. Freilich sind die Übergänge fließend. Aus der Mediennutzungsperspektive machen die Kommunikationskreise aber mehr Sinn, wie ich finde.

  2. Sehr guter Artikel über die Medien-Landschaft. Die Kommunikation ist durch das internet schneller und vielfältiger geworden. Doch leider wird oft noch in den alten Strukturen gedacht…

Kommentare sind geschlossen.