Wie viel bedrucktes Papier können sich Zeitungen noch leisten?

Papier zu bedrucken und zu verteilen war über viele Jahrhunderte eine ausgezeichnete, effiziente, schnelle und kostengünstige Möglichkeit, Informationen zu verbreiten. Heute ist es das nicht mehr. Die New York Times könnte viel Geld sparen, würde sie ihre gedruckte Ausgabe einstellen und stattdessen allen Abonnenten einen Reader wie den Amazon Kindle schenken, lautet eine Beispielrechnung.

Symbolbild Zeitungen

Er zog die Tür zu, ging stumm hinaus, ins neon-helle Treppenhaus. Es roch nach Bohnerwachs und … Zeitungspapier.

Wenn es um die Zukunft von bedrucktem Papier geht, kommen als Argumente gelegentlich die Haptik oder die allgemeine Anmutung ins Spiel. Stichhaltige Gründe sind das allerdings nicht.

Papier einzukaufen, zu bedrucken und an die Leser zu verteilen ist angesichts der Möglichkeiten des digitalen Publizierens ein Anachronismus. Und zudem kostet es erhebliche Summen.

Die Nachteile sind offensichtlich: Was einmal gedruckt ist, lässt sich nicht mehr aktualisieren, nicht durchsuchen, nur begrenzt weitergeben. Es gibt kein Audio und Video und keine Möglichkeit, Inhalte mit einem Hyperlink miteinander zu verknüpfen. Es gibt keinen direkten Rückkanal für die Leser.

Kurz gesagt: In meinem persönlichen Alltag spielen gedruckte Inhalte nur noch eine Nebenrolle, weil sie in meine Abläufe zwischen Browser, RSS-Reader und E-Mail-Programm nicht reinpassen. Eine Ausnahme bilden Fachinformationen in Magazinen, die monatlich oder noch seltener erscheinen. Aber eine Zeitung? Wozu?

Warum wird es gedruckte Zeitungen und Zeitschriften dennoch sehr lange geben?

Zum einen, weil es in einigen Fällen tatsächlich praktisch und sinnvoll ist, Dinge auf einem Medium wie Papier festzuhalten und zu präsentieren.

Zum anderen (und das wird der Hauptgrund sein), weil Menschen sich ungern auf Neues einstellen, selbst wenn es Vorteile bringt. Die meisten sind ihre Zeitungen und Zeitschriften gewöhnt und haben sie in ihr Leben integriert. Das Internet ist hingegen für viele noch immer eine Randerscheinung. Sie sind ihr papiernes Leseerlebnis gewöhnt, sie vertrauen der Zeitung und möchten sie daher gern weiterbehalten – selbst wenn man ihnen beweisen kann, dass sie sich im Internet günstiger, gezielter und vielfältiger informieren können.

Viele Zielgruppen finden im Internet allerdings keine adäquat aufbereiteten Inhalte, die von der Zusammenstellung, dem Anspruch, der Qualität etc. mit gedruckten Angeboten mithalten können, weil zu viele Online-Dienste heute auf Masse und nicht auf Klasse ausgerichtet sind.

Das Problem habe ich hier im Zusammenhang mit bezahlten Inhalten schon einmal gestreift.

Die Frage aber bleibt: Wie lange können es sich Zeitungen noch leisten, Papier zu bedrucken und zu verschicken?

Amazon Kindle und die New York Times

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei, einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n … New York Times auf Papier und auf dem Amazon Kindle.

Bei AlleyInsider gibt es eine schöne Beispielrechnung. Für die New York Times wäre es demnach erheblich billiger, allen Abonnenten einen E-Reader wie den Amazon Kindle zu schicken. Druck und Vertrieb der Papierausgabe kosten mehr als das Doppelte, auf ein Jahr gerechnet.

Dazu muss man wissen, dass der Amazon Kindle das digitale Abo von Zeitungen als ein bezahltes Feature anbietet. Die Leser bekommen die Inhalte hier nicht kostenlos. Beispiel: Abo der New York Times für 13,99 US-Dollar. Dafür ist die digitale Zeitung automatisch da, mit dem Gerät leicht abrufbar und dank des E-Ink-Displays bequem zu lesen. Ob das für die Zukunft reicht?

Vielleicht noch nicht. Wahrscheinlich fehlen noch einige andere Faktoren, um genügend zahlungsbereite Menschen von digital publizierten Inhalten zu überzeugen.

Deshalb funktioniert die Beispielrechnung auf AlleyInsider leider nicht wirklich. Ja, die New York Times könnte viel Geld sparen. Sie würde aber auch viel verlieren: Leser und Anzeigenkunden. Und damit: Einnahmen.

Und diese Einnahmen sind nicht zu unterschätzen. Mit Printprodukten lassen sich heute noch immer sehr schnell Umsätze generieren, die einem Webmaster die Tränen in die Augen treiben. Geht in einen Kiosk und schaut Euch um. Es gibt einen Grund, warum die Regale dort noch immer aus allen Nähten platzen. Und das Doppelte könnt Ihr leicht im Bereich der Spezial- und Kundenzeitschriften dazurechnen, die es gar nicht am Kiosk gibt.

Und deshalb lohnt es sich für Zeitungen heute noch, auf Papier zu erscheinen. Die Mehrzahl der Leser will es so. Sie bezahlen sogar dafür. Und die Werbekunden sind ebenfalls äußerst spendabel. Und da Menschen Gewohnheitstiere sind und nur wenige von uns immer wieder etwas Neues brauchen, wird sich das nur sehr langsam ändern.

Ändern wird es sich, daran habe ich keinen Zweifel. Ich hoffe es natürlich gleichzeitig auch sehr. Schließlich steht das Internet noch ganz am Anfang seiner Entwicklung und hat deutlich mehr Möglichkeiten als das Bedrucken von Papier. Allerdings denke ich, dass dieser Prozess sehr viel schleichender vonstatten gehen wird, als es sich mancher von der digitalen Avantgarde vorstellt.

Lesetipp: Dossier Content für Marketing und Kommunikation

(Cover-Illustration: © enotmaks, depositphotos.com)

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25 Gedanken zu „Wie viel bedrucktes Papier können sich Zeitungen noch leisten?

  1. Hervorragender Artikel. Wird sofort ausgedruckt und in einem Ordner abgelegt ;-)

    Nein im Ernst. Ein klasse Artikel. Ich wünsche mir naturlich auch, dass es bald soweit ist und ich beim Abonniere einer Zeitung einen eBook Reader geschickt bekomme…

  2. Interessantes Thema! Mich würde allerdings auch interessieren, ob es für die Geräte von Amazon oder Thalia auch deutsche ePaper-Angebote von Zeitungen geben wird?

  3. Wenn ich mir die tägliche Werbeflut im Briefkasten ansehe — besonders die an Samstagen — frage ich mich ernsthaft, ob es jemals weniger werden könnte. Mit jedem Jahr quillt der Briefkasten immer mehr auf.

    Wir haben einen Pappbehälter unter dem Briefkasten, in dem die Papierflut der Woche gesammelt wird. Er misst so an die 50x50x50cm und ist IMMER übervoll!!!!!

    Da macht das bisschen Zeitungspapier auch nicht mehr das Fett weg — zum Glück kommt die NUR auf Bestellung!

  4. Ich wünsch mir ein Lesegerät, mit dem ich mir aus dem Netz und vom PC Lesestoff laden kann, z.B. im PDF-Format, aber auch andere, die speziell zum Bücher lesen entstehen.

    Was ich gewiss nicht mitmachen werde, sind Geräte mit Bindungen an bloß einen Shop/Anbieter – das wär ein absoluter Rückschritt.

    Das rundum verwendbare Teil ist also vermutlich ein Netbook/Notebook mit passender Lesesoftware, bzw. ein ähnliches Teil in ergonomischerem, auf LEICHT optimiertem Format.

  5. Ich würde mittelfristig vor allem einen Unterschied zwischen Tageszeitungen und Wochen- bzw. Monatstiteln machen. Interessant sind nach wie vor (bei allen Vorteilen der Onlinemedien) nämlich mehr die Inhalte als die Darreichungsform. Und was morgen in der Tageszeitung steht, habe ich heute online schon längst gelesen. Bis auf wenige Teile in Tageszeitungen die mit Hintergründen aufwarten, ist der Rest relativ wertlos. Aber langfristig recherchiertes Material, aufwändig produziertes Material (z.B. Fotos) usw. verlieren auf lange Sicht auch im Print nicht so schnell.

  6. Eins muss schon klar sein, ab dem Moment, ab dem es Zeitungen nur noch im Internet gibt, werden Verlage kaum noch das Geld haben jedem neuen Abonnenten kostenlos ein eBook zur Verfügung zu stellen.
    Und auch die journalistische Qualität aus den Verlagen wird eine preiswertere sein.
    Dazu kommt, dass die Nachteile der Zeitung vielfach auch Ihre Vorteile sind. Dass Gedruckte Wort ist im Nachgang nur sehr schwer Manipulierbar. Die Zeitung, die ich in der Bahn lese, kann ich getrost in den Papierkorb werfen und erleichtert weitergehen. Es ist mir auf dem PC Bildschirm noch nie gelungen auf einen Blick so viele Informationen auf einem Blick zu überschauen, wie auf einer Zeitungsseite, und auf dem Handydisplay ist es absolut unmöglich.
    Zu allem Überfluss habe ich für die Recherche auch noch meinen Laptop.

  7. Guter Artikel, empfehlenswert!

    @Olli
    Ja es ist bei Amazon bereits jetzt, obwohl das Gerät ja nur in den USA zu haben ist, die Frankfurter Allgemeine über den Onlineshop zu beziehen. Diese ist dann sogar für das Gerät optimiert. Bei einem Europarelease wird dieses Angebot sicherlich ausgebaut werden. mfg team kindlez.de

  8. Vielen Dank für Eure Ergänzungen. Ich lese da ein gewisses skeptisches Interesse heraus… Mir geht es jedenfalls so mit dem Thema. Einerseits denke ich, dass es einen adäquaten Ersatz für die Papierzeitung geben muss und dass mein Laptop das nur zum Teil ist. Andererseits ist beispielsweise der Kindle heute höchstens der Vorbote einer Entwicklung, aber noch lange nicht die ideale Lösung. Ich denke aber, wenn man den technischen Fortschritt einige Jahre in die Zukunft verlängert, ergeben sich da spannende neue Möglichkeiten.

    Man denke sich einen solchen E-Book-Reader übrigens gleichzeitig auch als RSS-Lesegerät, das ständig mit dem Netz verbunden ist. Das könnte ich mir auf dem Arbeitsweg in der Straßenbahn gut vorstellen. Mein Laptop (zu groß, zu schwer) oder ein Smartphone (zu klein) hingegen nicht so sehr. Zumal deren Akkukapazität an anderer Stelle benötigt wird.

  9. Wenn die Qualität der Zeitungen wieder steigt, dann lohnt sich u.U. ein Lesegerät. Ein Abo als PDF wäre aber auch schon nicht schlecht.

  10. @nastorseriessix
    Das die Geräte noch zu teuer sind, gebe ich Dir Recht. Allerdings haben diese Geräte den Vorteil, ein entsprechendes Display zu liefern, welches nahezu den gleichen Lesekomfort bringt, wie eine gedruckte Seite. Bei TFT-Displays nicht zu denken. Kindle und Co. liefern allerdings Displaygrößen in Taschenbuchform aus; das Ziel ist hier eindeutig, wobei es Hersteller gibt, die schon DIN A4 große Geräte vorgestellt haben. Das Taschenbuch am Strand möchte ich nicht missen, Ordner volle technische Dokumente dagegen könnte ich mir schon in so einer Plastikflunder vorstellen.

  11. Vor etwa 10 Jahren ist das “papierlose Büro” aufgekommen und hat noch mehr Papier verbraucht als vorher :)
    Menschen haben leider Probleme mit eBookreadern und ähnlichen Geräten. Für unser Auge ist es angenehmer und entspannender “Papier” zu lesen.
    Erst wenn wir die Geräte so entwickeln, daß Sie “warm” aussehen. Dann werden sie sich auch durchsetzen.

  12. Genau das zeichnet sich ja mit den neuen Geräten ab. Die E-Ink-Displays sind sicher noch lange nicht perfekt, aber man sieht, in welche Richtung es geht. Wenn man sie das erste Mal sieht, hält man sie für einen aufgeklebten Platzhalter – bis sie dann das Bild wechseln.

    Noch sind sie etwas grauer als normales Papier. Und noch geht der Wechsel von einer Seite zur nächsten recht langsam. Aber wenn ich mir den technischen Fortschritt der vergangenen zehn Jahre anschaue, kann ich mir in etwa denken, wohin die Reise geht.

  13. Sicher liegt es nicht nur an daran, dass die Leute sich im Laufe der Zeit an die Zeitungen aus Papier gewöhnt haben und ungern auf Neuerungen umsteigen. Oft ist die Technik auch noch nicht ausgereift.
    Natürlich kann man auch die Zeitung multifunktional benutzen – nicht nur als reine Informationsquelle, sondern auch als Unterlage oder zum Einwickeln.

  14. Ja, gegen diese alltägliche Multifunktionalität der Zeitung wird das Internet wohl nie ankommen. Obwohl: Gibt es nicht genügend Menschen, die es sich regelmäßig ausdrucken lassen? Dann ist auch dieser Vorteil der sofort gedruckt erscheinenden Medien dahin…

    Aber was die Technik angeht, pflichte ich sofort bei. Heute ist sie etwas für Pioniere, die Lust auf Neues haben. Gut finde ich beim Kindle den Ansatz, dass das Gerät automatisch und jederzeit online ist. Der Nutzer muss dazu nichts machen. Die von ihm abonnierten Inhalte aktualisieren sich von allein. Das halte ich für einen ähnlich wichtigen Fortschritt wie das automatische Synchronisieren des iPods, anstatt alle neue Musik per Hand auf den MP3-Player schieben zu müssen.

    Die meisten Menschen wollen es bequem und einfach. Und eine Zeitung ist heute eben noch immer bequemer und einfacher als “das Internet”.

  15. Ich bin da auch noch altmodisch. Ich liebe es, meine Wochenendzeitung am Frühstückstisch zu lesen oder beim Friseur die einschlägige Klatschpresse über das Leben der Promis zu verfolgen. Sicherlich ginge das auch via Internet, aber ist das wirklich das Gleiche? Ich denke auch, daß Schritt für Schritt die Entwicklung weg vom Papier kommen wird, kommen muß, also genieße ich nach meinem Marmeladenbrötchen noch die Zeit, die mir mit meiner Zeitung bleibt :-)

  16. @Claudia
    Ich denke da genauso.
    Es sieht ganz danach aus, als ob wir in die gleiche Situation kommen, wo zu beginn des Automobilzeitalters die Menschen sich auch nicht an den Gedanken gewöhnen konnten, dass sich eine Kutsche auch ohne Pferde fortbewegen kann.

    Und zum Stichwort “Multifunktionalität” sehe ich das Bild schon, wenn am Markt der frische Fisch zwischen zwei Kindle eingepackt wird ;-)

  17. Sieht es nicht blöde aus, wenn man mit einem Ebook Reader aufm Thron sitzt oder in der Badewanne liegt? Reichen die Batterien für eine laaaange Zugfahrt oder einen Interkontinantalflug? Ich hab nichts gegen Technik oder Innovation, ganz im Gegenteil. Aber in vielen Situationen ist eine gedruckte Zeitung nun einmal praktischer als eine elektronische.

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