WhatsApp-Alternative Signal erklärt: Was sie besonders macht

WhatsApp ist eine Erfolgsgeschichte, gerät aber auch immer wieder in die negativen Schlagzeilen. Im Zentrum steht dabei vor allem der Datenschutz. Glücklicherweise gibt es auf dem Markt zahlreiche Alternativen und Signal hat sich als ein Favorit herausgeschält. Jan Tißler erklärt, warum das so ist, was Signal kann und welche weiteren WhatsApp-Alternativen es gibt.

(Illustration: © jameschipper, depositphotos.com)

WhatsApp: Der Fall des einstigen Superstars

Für fünf Jahre war WhatsApp unabhängig. 2009 gegründet, wurde es 2014 von Facebook aufgekauft. Preis: 19 Milliarden US-Dollar. Zu dem Zeitpunkt hatte es rund 400 Millionen monatliche Nutzer und wurde von seinen Kapitalgebern mit 1,5 Milliarden US-Dollar bewertet.

Dass Facebook einen enorm schlechten Ruf in Sachen Privatsphäre hat, muss man sicher nicht weiter betonen. Insofern ist es nicht überraschend, dass es bei der Übernahme von WhatsApp sofort viel Kritik und jede Menge Befürchtungen gab.

Die WhatsApp-Gründer Jan Koum und Brian Acton hatten schließlich den Datenschutz in den Vordergrund gestellt. Sie wollten nicht durch Nutzerprofile und Werbung Geld verdienen, sondern verlangten stattdessen eine geringe jährliche Gebühr, die sich bei hunderten Millionen Nutzer:innen bald rentierte.

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Facebook hingegen verdient sein Geld damit, dass die eigenen Nutzer:innen bewusst und unbewusst viel über sich und ihre Interessen preisgeben. Das wiederum lässt sich bestens für gezielte Werbekampagnen einsetzen. Je besser diese Werbung auf die Nutzer:innen passt, desto mehr lohnt es sich für werbetreibende Unternehmen und Facebook als Plattform.

Die stark ansteigende Nutzung von WhatsApp war eine Gefahr für dieses Geschäftsmodell. „Dark Social“ wird es genannt, wenn sich das soziale Netz aus der Öffentlichkeit in kleine, abgeschlossene Gruppen zurückzieht. Und wenn das geschieht, sind diese Menschen auch nicht mehr für personalisierte Werbekampagnen erreichbar.

Kurzum kaufte Facebook diese Bedrohung einfach auf, so wie sie es vorher schon sehr erfolgreich mit Instagram getan hatten.

Was macht es so schwierig, eine WhatsApp-Alternative zu etablieren?

Abwanderungswellen zu WhatsApp-Alternativen hat es über die Jahre immer wieder gegeben. Aber ein ebenbürtiger Konkurrent hat sich daraus zumindest in der westlichen Welt zunächst nicht entwickelt. 

Das hat zum einen mit dem Netzwerkeffekt zu tun: Ein Messenger verbreitet sich, wenn Menschen ihn nutzen. Die Nutzer:innen müssten also im Prinzip schon da sein, um Nutzer:innen anzuziehen. Ein typisches Henne-Ei-Problem.

Zum anderen muss ein solcher alternativer Messenger ebenfalls auf irgendeine Weise finanziert werden. Die Entwicklung der Apps, der Betrieb von Servern etc. kostet Geld. Verlangt man eine Gebühr, wird das viele Nutzer:innen abschrecken. Bei WhatsApp hatte das noch funktioniert, weil man darüber z.B. Kosten für SMS sparen konnte, die damals noch nicht unbegrenzt im Monatspreis enthalten waren. Dieses Argument gibt es heute nicht mehr. Entsprechend wäre das Wachstum dann zu gering und das oben genannte Problem mit dem Netzwerkeffekt würde nicht überwunden. Setzt man hingegen auf Werbung, rennt man wieder in dieselben Probleme, die WhatsApp bereits hat.

Dass es zu diesem Dilemma einen Ausweg gibt, möchte die WhatsApp-Alternative Signal zeigen.

Was ist anders bei Signal?

Screenshot der offiziellen Website des Signal Messengers

Es geht nicht um Gewinne

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal von Signal: Dahinter steht kein Unternehmen, das Gewinne erwirtschaften muss, sondern eine gemeinnützige Stiftung. Die Signal Technology Foundation wurde 2018 vom IT-Sicherheitsspezialist Moxie Marlinspike und WhatsApp-Mitgründer Brian Acton ins Leben gerufen. Acton versorgte sie außerdem mit 50 Millionen US-Dollar Startkapital.

Die Zielstellung der Signal Technology Foundation ist es nicht, mit dem Messenger Geld zu verdienen. Ihr Zweck ist, einen Messenger anzubieten, der den Schutz der Daten und der Privatsphäre der Nutzer:innen in den Vordergrund stellt.

Today, we are launching the Signal Foundation (…) to support, accelerate, and broaden Signal’s mission of making private communication accessible and ubiquitous.

Moxie Marlinspike

In diesem Sinne ist Signal eher mit der Wikipedia zu vergleichen: Denn hinter dem Projekt steht ebenfalls eine Stiftung, die Wikimedia Foundation. Sie sammelt Spenden ein von Menschen, die möchten, dass die Wikipedia weiter existieren kann. 

Stand 2020 finanziert sich Signal zu 100% aus Spenden. Von Beginn an hatten Signal und seine Vorläufer nie Wagniskapital eingesammelt oder nach Investoren gesucht, wie Moxie Marlinspike erklärt. Denn: „Wir fanden, dass Gewinne in den Vordergrund zu stellen inkompatibel wäre mit einem Projekt, das die Nutzer:innen priorisiert.“ 

Das allein schon ändert vollkommen, wie die Personen hinter Signal Entscheidungen treffen.

Datenschutz und Privatsphäre stehen im Vordergrund

Wie man auf einer kritischen Vergleichsseite wie dieser sehen kann, macht Signal vieles richtig und etliches besser als die Konkurrenten.

So sind alle Chats standardmäßig Ende-zu-Ende verschlüsselt. Man muss keine Einstellung ändern und auch keinen speziellen „Inkognito-Chat“ o.ä. starten. Die Verschlüsselung geschieht einfach. Und das bedeutet: Die Inhalte der Chats sind nur für Sender und Empfänger lesbar, aber für niemanden dazwischen. Zugleich verbleiben sie auf den jeweiligen Geräten und werden nicht etwa in der Cloud gespeichert.

Wer auf ein neues oder weiteres Gerät wechseln möchte, kann Profilinformationen wie die Kontaktliste und Einstellungen mit Passwort geschützt und verschlüsselt auf Signals Servern speichern. Das ist aber wie gesagt optional.

Signal selbst sagt, dass auch die Metadaten so verschlüsselt sind, dass man sie nicht auslesen kann. Diese Metadaten könnten bspw. verraten, wer mit wem, wann, wie häufig, wie umfangreich chattet. Selbst wenn der Inhalt dieser Chats verschlüsselt ist, können solche Informationen viel über eine Person und ihr Netzwerk verraten.

Und nicht zuletzt ist der Quellcode für Apps, Server und das Verschlüsselungsprotokoll offengelegt. Experten können hier bei Interesse also genau einsehen, was eigentlich unter der Haube passiert.

Größter Kritikpunkt an Signal ist, dass die Nutzung der App an eine Telefonnummer gebunden ist. Das erschwert, vollkommen anonym zu bleiben. Immerhin muss es nicht die Telefonnummer auf der SIM-Karte des eigenen Smartphones sein.

Manchem wird zudem nicht schmecken, dass Signal ein US-Produkt ist. Entsprechend unterliegt auch Signal dem weitreichenden Überwachungsapparat der USA. Allerdings verweist Signal stolz darauf, dass sie bei einer entsprechenden Anfrage wohl lediglich ein leeres Blatt Papier abliefern konnten, da sie die gewünschten Informationen gar nicht erst erheben und speichern.

Zum Vergleich mit WhatsApp: Auch hier sind die Chats Ende-zu-Ende verschlüsselt – sogar mit derselben Technik, die auch Signal nutzt. Aber weder die Chat-Backups auf den Geräten noch die in der Cloud sind verschlüsselt. Gleiches gilt für die Metadaten.

Einflussreiche Promis als Fürsprecher

Einer der bekanntesten Nutzer von Signal dürfte der Whistleblower Edward Snowden sein. Er achtet nach seinen Enthüllungen extrem darauf, seine Privatsphäre zu schützen und ist damit ein perfekter Werbeträger. Auch Tesla- und SpaceX-Macher Elon Musk gehört zu den Fürsprechern: Ein kurzer Tweet Anfang 2021 brachte gar das Anmeldesystem von Signal zum Erlahmen.

Funktionen von Signal

War Signal anfangs noch sehr spartanisch, gewinnt es inzwischen laufend an Funktionalität hinzu. Inzwischen dürfte es alles mitbringen, was sich die meisten Nutzer:innen von einer solchen App wünschen:

  • In den Chats lassen sich verschiedenste Medienformate nutzen: Text natürlich, darüber hinaus Audionachrichten, Bilder, GIFs und andere Dateien. Auch die andernorts so beliebten Sticker gehören dazu. Dafür nutzt Signal die Datenverbindung und nicht etwa SMS/MMS.
  • Solche Chats lassen sich auch als Gruppenchats organisieren.
  • Sie können Nachrichten schicken, die sich nach einem selbst eingestellten Zeitraum wieder löschen oder Fotos, die man nur einmal aufrufen kann.
  • Gesichter in Fotos lassen sich manuell oder automatisiert verschleiern.
  • Die Funktion „Incognito Keyboard“ stellt sicher, dass die digitale Tastatur das Getippte nicht aufzeichnet und auswertet. Das geschieht normalerweise, um zum Beispiel die Autokorrektur zu verbessern, kann aber ebenso sensible Informationen preisgeben.
  • Anrufe sind ebenso möglich: entweder nur mit Ton oder auch mit Video. Wer möchte, kann Signals Server dazwischenschalten, um die eigene IP-Adresse geheim zu halten (genannt „Relay Calls“).
  • Es gibt verschiedene Wege, die App abzusichern. Unter anderem mit einem Passcode oder Biometrie (wie Apples Face ID). Zudem lassen sich Screenshots der Chats oder der „Recents“-Liste verhindern.

Bei alldem gibt es wie erwähnt keine Anzeigen und Signal ist trotzdem kostenlos nutzbar. Wer mag, kann die Weiterentwicklung mit einer Spende unterstützen.

Signal gibt es für etliche Plattformen: Android, iPhone und iPad, Windows, Mac und Linux.

Weitere WhatsApp-Alternativen

Bei alldem ist Signal natürlich nicht die einzige WhatsApp-Alternative. Tatsächlich gibt es zu viele, um sie alle hier aufzulisten oder gar zu besprechen.

Einige wesentliche möchte ich aber gern hervorheben:

Threema

Threema bekommt ebenfalls gute Noten auf der bereits verlinkten Messenger-Vergleichsseite. Dahinter steht die Threema GmbH aus der Schweiz. Für die Nutzung muss man einmalig einen kleinen Betrag bezahlen. Das Unternehmen verdient außerdem Geld damit, den sicheren Messenger in einer speziellen Variante für Unternehmen und für Bildungseinrichtungen anzubieten.

Im Gegensatz zu Signal basiert das eigene Profil hier nicht zwingend auf einer Telefonnummer. Die Chats sind immer Ende-zu-Ende verschlüsselt. Sowohl die Chats als auch ihre Metadaten verbleiben auf den Geräten.

Telegram

Telegram lockt vor allem mit seinem enorm großen Funktionsumfang, der in manchen Punkten den von WhatsApp noch übertrifft. Chats sind hier allerdings nicht standardmäßig Ende-zu-Ende verschlüsselt. Und selbst wenn man einen „geheimen Chat“ nutzt, ist das Verschlüsselungsprotokoll dahinter nicht offengelegt. Es kann also nicht unabhängig überprüft werden.

Telegram wird von den beiden russischen Brüdern Nikolai und Pawel Durow betrieben. Pawel Durow finanziert den Messenger bislang offenbar aus eigener Tasche: Er hatte den Facebook-Konkurrenten VKontakte aufgebaut.

Wire

Wire kommt ebenso wie Threema aus der Schweiz, vermarktet sich aber als „sichere Kollaborationsplattform“. Es geht also über die Grundidee eines Messengers hinaus und ist eher als Alternative zu Angeboten wie Slack oder Microsoft Teams zu verstehen.

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Schlusswort

Mit Signal steht eine WhatsApp-Alternative zur Verfügung, die die wesentlichen Funktionen eines Messengers mitbringt, sich voll und ganz auf den Schutz der Daten und der Privatsphäre konzentriert und dabei trotzdem sehr einfach zu bedienen ist.

Denn auch wenn man „nichts zu verbergen“ hat, wie so manche Person gern sagt: Das bedeutet noch lange nicht, dass man die Inhalte seiner Chats oder auch nur die Metadaten frei zur Verfügung stellen muss.

Es ist immer gut, Alternativen zu haben. Und das gilt besonders bei einem so wichtigen Dienst wie Messaging.


Dieser Artikel gehört zu: UPLOAD Magazin 91

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