Beatguide: Oh ja, schon wieder ein neues Musik-Startup

Ein weiteres Startup aus dem Musik-Bereich dürfte bei den meisten ein “Oh nein!” provozieren, bei Beatguide.me denke ich mir aber “Oh ja”! Denn der Service füllt tatsächlich eine Lücke und veranlasst uns zu der Frage, ob der wahre Wert der Musik nicht vielmehr in dessen Erleben als in dessen Besitz liegt. Ein Blick auf das eigene Konsum-Verhalten und ein subjektiver Streifzug durch die Welt der Musik-Startups.

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Immerhin befriedigt dieser Tonträger noch einen Fetisch. Ansonsten wird der Besitz von Musik zunehmend obsolet. Bild _-o-_ auf Flickr (CC BY 2.0)

Die Idee von Beatguide.me ist schnell erklärt: Das Tool (derzeit Web und iPhone-App) kombiniert Club- und Konzert-Daten einer Stadt mit Soundfiles aus Soundcloud, macht also das Club- und Szene-Leben einer Stadt hörbar. Der Dienst konzentriert sich auf elektronische Musik und hat bislang Amsterdam, Barcelona, Berlin und London im Programm. Man kann die Events nach verschiedenen Kriterien (Datum, Venue, Eintrittspreise, Genre etc.) filtern und mit einem Klick auf das Event weitere Infos inklusive Maps etc. erhalten. Außerdem kann man seinen Account mit Soundcloud syncronisieren und so Vorschläge für Events erhalten, Events speichern, Künstlern und Venues folgen und einiges mehr. Das einzige, was ich derzeit noch vermisse, ist eine Radio-Funktion: Bislang ist man als User immer noch gezwungen, vor dem PC zu sitzen und sich zum Anhören aktiv durch die eizelnen Events zu klicken. Komfortabler wäre ein Mix aus allen Events als Radio-Stream. Und die Enschränkungen des Musikstils ist natürlich auch nicht Jedermanns Sache.

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Die Club- und Konzert-Szene der Stadt hörbar machen: Beatguide.me

Ganz neu ist der Ansatz nicht: Bereits 2009 hatten zwei Schweden mit Citysounds.fm ein ähnliches Mashup mit Hilfe von Soundcloud gebaut, allerdings ist der Service inzwischen wieder offline. Es bleibt abzuwarten, ob Beatguide.me mit ihrem Wurf einen längerfristigen Erfolg haben. Zu wünschen wäre es, denn der Dienst kann zumindest in einem Teil-Aspekt die inzwischen halbwegs obsolet gewordenen Stadtmagazine ersetzen. Interessant auch, dass sich Beatguide.me unweit von der sozialen Event-Empfehlungs-App Vamos niedergelassen hat, man sieht also, dass sich im Event-Bereich derzeit wieder etwas tut.

Interessant ist der Dienst aber auch, weil er den Nutzer noch weiter vom Zwang physisch verfügbarer Musik-Dateien erlöst und stattdessen das Musik hören mit dem Musik erleben verbindet. Ein Konzept, dass für mich deutlich mehr Sinn macht als die Ansätze der großen Streaming- und Kaufportale.

Musik-Konsum: Wer hat eigentlich noch MP3 auf der Platte?

Die 1970er-Generation hat beim Musik-Konsum viel Flexibilität beweisen müssen: Angefangen von der BASF-Collection mit raubkopierten Radio-Hits, dann das Aufkommen der CD als Modeerscheinung in den 80ern und 90ern, eine unerwartete Wiedergeburt von Plattenspielern und Vinyl-Scheiben, Anfang 2000 (bzw. Ende der 90er) dann Napster und die explosionsartige Verbreitung von MP3 und schließlich der iTunes-Store und diverse Musik-Streaming-Dienste.

Ich selbst habe die CD größtenteils übersprungen und bin dann direkt auf das Vinyl-Revival aufgesprungen. Napster war bei mir nie installiert, iTunes habe ich ebenfalls noch nie genutzt und für Spotify, Pandora, Rdio oder Deezer konnte ich mich noch nie wirklich begeistern. Der Grund ist einfach: Ich weiß nicht, warum ich mir heute noch die Festplatte mit MP3s oder überhaupt mit irgendwelchen Medien-Files vollstopfen sollte. Von den 460 GB meines Laptops sind gerade einmal 50 belegt, und die einzigen Medien-Files sind Bild-Dateien aus meiner Kamera. Der einzige Grund für ein Herunterladen von Musik-Dateien dürfte im Offline-Konsum für unterwegs liegen. Da ich mich aber nicht immer und überall beschallen lassen will, besteht auch daran kein Interesse mehr.

Zum Glück gibt es auch jenseits der etablierten Dienste eine ganze Reihe von Tools und Anwendungen, die einen eher flüchtigen Umgang mit Musik erlauben. Für Musiker, Labels und Musik-Startups ist so ein Konsumverhalten natürlich problematisch, da der Verkauf von Musik praktisch entfällt. Der Wert von Musik besteht für mich allerdings auch nicht mehr im Besitz, sondern eher im Live-Erlebnis. Es verwundert daher, dass die Verbindung von Musik hören und Musik erleben so selten hergestellt wird, zumal Bands meines Wissens ohnehin deutlich mehr von Live-Gigs profitieren als von dem Verkauf von Tonträgern.

Wo man gute Musik-Tipps bekommt: The Hype Machine und Shuffler

Mein Lieblings-Service im Bereich der “Blog-Radios” ist shuffler.fm aus Amsterdam. Shuffler aggregiert die Empfehlungen von Musikblogs und erstellt daraus einen endlosen Radio-Stream. Natürlich kann man das Genre wählen, außerdem noch zwischen “Popular”, “Radio” oder einzelnen “Sites” wählen. Seit kurzem bietet Shuffler mit TV auch noch einen Musik-Video-Kanal an und geht damit ansatzweise in Richtung tape.tv.

shuffler.fm
Shuffler.fm aggregiert aus den Musik-Empfehlungen von Musik-Blogs einen Radio-Stream

Shuffler wurde 2009/2010 in Amsterdam aus der Taufe gehoben, schon viele Jahre zuvor (in 2005) erblickte das Vorbild “The Hype Machine” das Licht der Internet-Welt. Ein weiterer Dienst in diesem Bereich ist “We Are Hunted“, der im April 2013 von Twitter aufgekauft wurde und seitdem auf seine Wiedergeburt wartet.

Wo man Playlisten baut und Freunden folgt: Musicplayr

Musicplayr ist ein soziales Musik-Netzwerk aus Köln, das es leider immer noch nicht zu größerer Bekanntheit gebracht hat. Für meine Begriffe deckt Musicplayr mit extrem wenig Aufwand alles ab, was man braucht: Mit einem kleinen Bookmarklet kann man Songs von fremden Seiten in seine persönliche Playliste abspeichern, sofern das Sound-File auf einer großen Plattform wie Youtube, Soundcloud oder Co. gespeichert ist. Musicplayr unterscheidet sich damit stark von anderen bekannten Diensten wie Spotify, Pandora und Co., denn Musicplayr speichert keine Audio-Files, sondern lediglich den Link zu dem File. Musicplayr ist daher auch kein Streaming-Dienst, sondern eher ein Aggregationsdienst. Damit ist Musicplayr auch von den sonst üblichen lizenzrechtlichen Problemen und Fallstricken nicht betroffen, da ja technisch gesehen überhaupt keine Musik angeboten wird. Das hat allerdings häufiger mal den unschönen Nebeneffekt, dass einzelne Songs aus der Playliste  nicht mehr verfügbar sind, wenn beispielsweise ein Musikvideo mal wieder bei Youtube gesperrt wurde.

musicplayr
Musicplayr: Sound-Files bookmarken, Playlisten bauen und Freunden folgen.

Musicplayr liefert eine klare Antwort auf die zentrale Frage, wozu man heutzutage eigentlich noch eine eigene, physische MP3-Sammlung braucht: Man braucht sie schlicht nicht, wenn man vom Offline-Konsum mal absieht.

Wo man Konzert-Tipps bekommt: Songkick und Bandsintown

Die oben genannte Verbindung zwischen Musik hören und Musik erleben haben bislang die beiden (auch schon in die Jahre gekommenen) Dienste Songkick und Bandsintown übernommen. Bei beiden Diensten kann man Künstlern folgen und sich eine Nachricht zuschicken lassen, wenn ein Konzert in der Stadt ansteht. Bei Songkick kann man seine Bands aus iTunes, Last.fm und Facebook (likes) importieren und sich so das lässtige manuelle Suchen und Verfolgen von Künstlern ersparen. Songkick bietet außerdem eine API an und ich vermute mal, dass diese API auch bei Beatguide.me angezapft wird. Bandsintown ist ganz ähnlich nur in grün, allerdings lassen sich dort die Bandlisten mit Pandora, Last.fm und Facebook syncronisieren.

songkick
Songkick: Bands tracken und sich Konzerthinweise schicken lassen.

Wer allerdings weder iTunes, noch Pandora, Last.fm oder sonst etwas nutzt, muss bei beiden Diensten die Band-Listen manuell pflegen, was man sicher nicht länger als ein paar Tage durchhält. Außerdem bieten beide Dienste keinen Musik-Stream an, sondern verstehen sich eher als Ticket-Vermittler. Beide Mängel werden von Beatguide.me gelöst, zumindest ist das Syncen mit Soundcloud für mich sinnvoller.

Wo man eigene Songs teilt und verbreitet: Soundcloud

Eigentlich passt es nicht so richtig zum Thema Entmaterialsieirung des Musik-Konsums, aber da Soundcloud die Basis von vielen innovativen Musik-Mashups ist, soll es hier nicht unerwähnt bleiben. Viel mehr Worte braucht man über den Service jedoch nicht zu verlieren, da das Berliner Vorzeige-Startup als soziale Plattform zur Verbreitung eigener Audio-Files hinlänglich bekannt sein dürfte.

Soundcloud
Soundcloud hat sich für Musiker inzwischen zur Zentrale für die Musik-Distribution etabliert.

Als Plattform für die Entdeckung von Musik habe ich Soundcloud bislang noch nicht intensiv genutzt, allerdings wird sich das durch Beatguide.me möglicherweise ändern, sofern man durch die Kombination beider Dienste den Alert-Dienst Bandsintown ersetzen kann.

Fazit

Bemerkenswert finde ich vor allem, dass es selbst in einem so “ausgelutschten” Bereich wie den Musik-Services immer noch Lücken gibt, die sich durch Startups schließen lassen. Das hat vor ca. zwei bis drei Jahren Musicplayr gezeigt und das könnte nun auch Beatguide.me zeigen. In vielen Fällen handelt es sich dabei um Single-Feature-Dienste, die sich auf die Lösung eines einzelnen Problems konzentrieren, anstatt wie die großen Portale vergangener Zeiten umfassende Netzwerke zu bieten. Das macht Sinn, denn Single-Features sind bei der Lösung von Problemen meist unschlagbar gut. Was Single-Features oft zu Insel-Lösungen werden lässt, ist die fehlende Schnittstelle: Aufgrund einer fehlenden API sehe ich schon jetzt wieder das Problem, dass die Songlisten von Musicplayr niemals in Beatguide.me abgeglichen werden können, womit man den realen und virtuellen Musikkonsum mit zwei kleinen Diensten vollständig hätte abdecken könnte. Die Geschlossenheit der Dienste dürfte dann wieder zentralen Plattformen wie Soundcloud nützen, was umso mehr ein Argument für Offenheit und mehr Schnittstellen bei Startups ist.

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(Cover-Illustration: © enotmaks, depositphotos.com)

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